Armut hat viele Gesichter und erzählt unterschiedliche Geschichten. Sie spricht, wenn Thomas Bauchschmerzen hat oder Fatima keinen Schlaf findet, wenn Nenad in einer dunklen, zu kleinen Wohnung mit feuchten Wänden leben muss, wenn Laura nicht mit ihren Freundinnen ins Schwimmbad gehen kann, wenn Sebastian regelmäßig keine Jause für die Schule erhält und den Tag über hungrig bleibt, wenn Sonja weiß, dass ihre Mutter am Ende des Monats immer verzweifelter wird und sich fürchtet. Diese Armut nimmt mitten im Wohlstand, mitten im Gesättigten unauffällig Platz.

In Österreich ist beinahe jedes fünfte Kind von diesem Mangel an sozialer Teilhabe betroffen. Ein Umstand, der auch die neue Koalitionsregierung aus Volkspartei und Grünen dazu veranlasst hat, in ihrem Regierungsprogramm anzukündigen, man werde "besonderes Augenmerk" auf die Bekämpfung der Kinderarmut legen: "Kein Kind darf in Österreich zurückgelassen werden." Wohl wahr. Doch wie das erreicht werden soll, davon steht nichts im Programm zu lesen.

Meistens ist diese Armut darauf bedacht, nur ja nicht zu laut zu sein, nur ja nicht aufzufallen. Zu funktionieren, solange es noch geht. So zu tun, als ob. Ein gut einstudiertes Stück, das 365 Tage im Jahr auf dem Programm steht. Dieses Verheimlichen kostet Kraft. Kraft, die für anderes notwendig wäre: für Entwicklung, für soziale Teilhabe, für Austausch.

Schlimm genug, wenn Armut Erwachsene betrifft. Aber noch schlimmer, wenn Kinder in eine prekäre Existenz gedrängt werden. Das sind jene Kinder, die öfter krank werden als andere. Die von Beginn an lernen müssen, mit weniger Chancen, mit weniger Würde auszukommen. Deren Lebensbeginn in Armut viel zu oft ein Weiterleben in Armut bedeutet: Aus benachteiligten Kindern werden benachteiligte Erwachsene. Das sind jene Kinder, die nicht auf Klassenreisen oder in den Urlaub fahren können. Die nicht auf Geburtstagsfeste kommen können, weil sie keine Geschenke mitbringen können, was keiner merken soll. Die keine Theater besuchen, kein Kino, keine Sportkurse.

Diese Kinder haben ein signifikant höheres Krankheitsrisiko, werden aber nicht alle Behandlungsmöglichkeiten bekommen, die sie brauchen. Diese Kinder bleiben in vielem außen vor. Sie lernen, dass sie anders sind, sie lernen, dass es zu oft nicht von ihnen abhängt, ob sie dazugehören können oder nicht. Der soziale Rahmen, in den sie gepresst werden, wird die Segregation bestimmen. Sie sind umgeben von bedrückten Erwachsenen, die ihre Unsicherheit fast unweigerlich weitergeben werden, ob sie es wollen oder nicht. Ein Kind ist sensibel und wird mitbekommen, ob die Mutter heimlich weint. Wird Ängste und Sorgen spüren, welche die Armut nach sich zieht wie einen dichten Nebelschleier, aus dem man schwer hinausfindet. Ein Nebelschleier, der die Luft zum Atmen nimmt.

Das alles geschieht nicht in einem Kriegsgebiet, nicht in wankenden Ländern an der Schwelle zu Bankrott oder Diktatur. Sondern mitten in Europa, in einer der sichersten, wohlhabendsten Gesellschaften dieses Kontinents. Wie ist das überhaupt möglich?

Laut der sozialen Hilfsorganisation Volkshilfe sind 19 Prozent der in Österreich lebenden Kinder und Jugendlichen bis 19 Jahre armutsgefährdet. Das heißt, nahezu jedes fünfte Kind existiert an der Armutsschwelle. Anders gesagt: 332.000 Kinder sind arm.

Die vor 30 Jahren gegründete UN-Kinderrechtskonvention formuliert eigentlich ganz klare Ziele. Artikel 28 hält schnörkellos fest: "Jedes Kind hat ein Recht auf Bildung und Verwirklichung auf Grundlage der Chancengleichheit." Und Artikel 31 besagt, dass jedes Kind Recht auf Ruhe und Freizeit hat, auf Spiel und altersgemäße aktive Erholung sowie auf freie Teilnahme am kulturellen und künstlerischen Leben. Die Realität sieht allerdings noch immer anders aus.

Armutsbetroffenen Kindern bleiben altersgerechte Bücher, die Teilnahme an Förderkursen oder Nachhilfe, Vereinsaktivitäten verwehrt. Sie erfahren keine für ihre Entwicklung notwendige Unterstützung, beispielsweise bei Legasthenie.

Erich Fenninger, der die Volkshilfe leitet, sagt, dass die Persönlichkeitsentwicklung auf der Strecke bleibe, wenn Kinder nicht an all diesen sozialen Aktivitäten teilnehmen können, und dementsprechend sei das dabei entwickelte Netzwerk geringer ausgeprägt, als bei den anderen Gleichaltrigen. Diese Kinder brauchen keine Almosen, gnädig von oben gegeben. Das, was sie brauchen, ist die Gültigkeit und Verbindlichkeit ihrer Rechte und ihre Würde.