Als Bischof Ackermann im vergangenen Oktober öffentlichkeitswirksam verkündete, Opfer sexuellen Missbrauchs durch Priester seien aus Kirchensteuermitteln zu entschädigen, folgte prompt Widerspruch aus der Führungsriege des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK). Gegen die Auffassung Betroffener, die Kirche sei als Gemeinschaft von den Missbrauchstaten und deren Vertuschung berührt, wurde etwa die Unschuld der Laien betont: Haftbar zu machen seien die Missbrauchstäter und jene, die an verantwortlicher Stelle vertuscht haben. Laien besäßen keine Handhabe, sagte das ZdK, um klerikalen Machtmissbrauch zu verhindern. Als Unbeteiligte dürften sie für den Missbrauchsskandal nicht zur Kasse gebeten werden, andernfalls drohe dem Kirchensteuersystem eine Akzeptanzkrise. Komplett-Entschuldung der Laien also. Aber Achtung: Wenn’s ums Geld geht, trübt sich mitunter der Blick.

Einmal von der seltsamen Logik abgesehen, mangelnde Handhabe gegen klerikalen Machtmissbrauch zu beklagen und gleichzeitig die Kirchensteuer als die zentrale Machtbasis der Kirche in Deutschland zu verteidigen – richtig ist: Priestertaten sind von Priestern zu verantworten. Das geschieht heute zwar zunehmend, ist weit überwiegend aber auch deshalb nicht mehr möglich, weil Bischöfe durch eigene effektive Vertuschung oder durch Kontrollversagen im Amt weitere Taten ermöglicht und eine rechtzeitige Verfolgung und damit Gerechtigkeit für die Betroffenen verhindert haben. Dafür – auch das ist richtig – müssen Bischöfe persönlich Verantwortung übernehmen. Eine episkopale Sensibilität dieses Thema betreffend ist hierzulande allerdings nicht erkennbar. 2010 antwortete Reinhard Kardinal Marx auf die Frage, welche Folgen Vertuscherbischöfe denn fürchten müssten, er verstehe die Frage nicht. Anders offenbar acht Jahre und eine von den Bischöfen beauftragte Missbrauchsstudie später: Bei der Pressekonferenz zur Vorstellung der MHG-Studie wollte am Ende die Journalistin Christiane Florin vom Deutschlandfunk wissen, ob denn von den über 60 versammelten Bischöfen auch nur einer gesagt habe, er habe persönliche Schuld auf sich geladen und könne das Amt nicht mehr ausüben. Die Antwort des Kardinals: ein schlichtes "Nein".

Dabei darf es in der Tat nicht bleiben. Die rechtliche und politische Verantwortung mit der Notwendigkeit auch persönlicher Konsequenzen liegt eindeutig dort und sollte viel entschiedener auch als solche benannt werden, wo die volle Macht gebündelt ist: bei den Diözesanbischöfen. Das episkopale Leitprinzip "Macht ohne Verantwortung" ist aber noch nicht damit ausgehebelt, dass Entschädigung nicht aus Kirchensteuern gezahlt wird.

Nicht mehr richtig ist allerdings die Behauptung, Laien seien in keiner Weise verantwortlich für den katholischen Missbrauchsskandal. Was waren denn die Menschen in der unmittelbaren persönlichen Umgebung der Opfer (Eltern, Verwandte, Freunde, Bekannte, Gemeindemitglieder), denen diese sich nicht zu offenbaren wagten, weil sie wussten, sie würden ihnen nicht glauben? Waren das keine Laien?

Was waren denn in den USA und anderen Ländern (nur in Deutschland gar nicht?) die Ermittler mit Beißhemmung, die Staatsanwälte mit Verfolgungsnachsicht, die Journalisten mit mangelndem Verständnis für das katholische Kirchensystem und/oder geringem Recherche-Elan? Waren das keine Laien? Und in jüngerer Zeit die Insider in den kirchlichen Verwaltungen, im pastoralen Dienst, in den katholischen Räten und Verbänden, den beiden großen Säulen des ZdK, die kooptierten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens – alles Laien, von denen kein Einziger in all den Jahrzehnten jemals etwas mitbekommen haben soll? Für viele, vielleicht die meisten, mag das ja durchaus stimmen, aber für alle?

Sicher ist nicht jeder zum Whistleblower geboren, und es gibt viele Motive für das Schweigen von Mitwissenden. Oft werden Ahnungen und Gerüchte nicht ausgereicht haben. Opfer sollten nicht gegen ihren Willen geoutet werden. Wer mit seiner Familie vom kirchlichen Arbeitsplatz abhängig ist, kann nachvollziehbare Prioritäten gesetzt haben. Ob die Sorge um kirchenfinanzielle Unterstützung für den eigenen Verband ein gleichermaßen nachvollziehbares Motiv ist, erscheint schon fraglicher. Aber zu behaupten, der Laienstand als solcher stehe hier rein und ohne jede moralische Mitverantwortung da, bedeutet erneut Entschuldung auf Kosten der Betroffenen – die übrigens nicht irgendwelche Fremden, sondern meist katholische Mitlaien sind. Man kann nicht einerseits die Solidarität mit ihnen beschwören und sich andererseits pauschal aus jeder Verantwortung stehlen.