Frage: Herr Trawny, die Liebe entzieht sich dem Denken, schreiben Sie in Ihrem neuen Buch, um dann 280 Seiten über nichts anderes zu philosophieren. Warum das Ganze, wenn es sinnlos ist?

Peter Trawny: Dass es nichts bringt, sich Gedanken über die Liebe zu machen, bestreite ich. Man kann durchaus manches zu ihr sagen. Nur sollte man sich dabei der Begrenztheit des eigenen Verstehenkönnens bewusst sein, als Philosoph besonders. Denken ist in der Philosophie gemeinhin orientiert an einer überprüfbaren Erkenntnis. Mit diesem Ansatz alleine lässt sich die Liebe aber nicht verstehen.

Frage: Gilt das nur für die Liebe?

Trawny: Nein. Ich glaube, dass sich alles, was uns in unserem Leben ausmacht, was uns wirklich wichtig ist, der Rationalisierung letztlich entzieht. Das gilt für die Liebe genauso wie für Gott oder den Tod.

Frage: Und was lässt sich dann überhaupt gesichert über die Liebe sagen?

Trawny: Nicht viel auf den ersten Blick. Ihr kleinster Nenner ist der Bezug zum Gegenüber. Doch schon über die Frage, wie dieser Bezug beschaffen ist, lässt sich trefflich streiten. Ist Liebe ein Affekt? Ein Gefühl? In vielerlei Hinsicht schon. Doch wenn man sich dann die Nächstenliebe anschaut, gilt das schon nicht mehr. Die Nächstenliebe meint schließlich nicht einen besonderen Menschen, zu dem ich in persönlicher Beziehung stehe, sondern den Erstbesten, der mir begegnet – und das ist letztlich potenziell jeder und jede.

Frage: Bezug klingt nach Sofa. Geht es auch weniger lieblos?

Trawny: (lacht) Zärtlicher formuliert: Liebe ist geteilte Nähe. Sie beginnt bei unserem Verständnis zu uns selbst. Wenn wir lieben, sind wir uns selbst näher, gerade weil da der andere ist, mit dem wir diese Nähe teilen und erleben. Liebe ist also so etwas wie das Menschliche an sich. Deshalb landet jeder, der nach dem Sinn des Seins fragt, irgendwann bei ihr.

Frage: Oder bei Gott. Meinen Gott und Liebe am Ende dasselbe?

© privat

Trawny: Dieser Kurzschluss liegt nahe. Daher Vorsicht! Man muss es sich mit der Liebe schon etwas schwerer machen, denke ich. Die Liebe ist vielgestaltig. Sie gilt dem Partner, dem Vater, der Mutter, dem Kind, den vermenschlichten Tieren, den Dingen manchmal auch, und dann, ja, auch Gott. Erschwerend kommt hinzu: Niemand kann ihr neutral begegnen. Philosophen schon gar nicht. Wer von der Liebe spricht, meint sich als Liebender immer mit.

Frage: Dann schauen wir doch genauer hin. Das Christentum kennt zwei Arten der Liebe: Eros, die sinnliche Liebe, und Agape, die von Gott inspirierte uneigennützige Liebe. Erstere gilt einem, Letztere allen Menschen. Welche ist Ihnen sympathischer?

Trawny: Keine von beiden. Ich habe mit dieser Aufspaltung der Liebe an sich ein Problem. Das fängt schon in der Bibel an. Das Wort "Eros" gibt es in der Bibel nicht. Agape spielt bei den vorchristlichen Philosophen keine Rolle. Hier scheint die Liebe in zwei sich ausschließende Liebesarten auseinanderzubrechen. Können sie aber nicht doch irgendwie zusammenhängen?

Frage: Tun sie nicht, sagt Papst Benedikt XVI. Seine Enzyklika Deus caritas est handelt von nichts anderem als der zweigestaltigen Liebe. Die eine ist göttlich, die andere nicht ganz so toll.

Trawny: Aber ist es wirklich so eindeutig? Vor allem in der Spätantike haben viele christliche Philosophen beeinflusst vom Neoplatonismus Agape und Eros zu vereinen versucht. Die christliche Morallehre würde diese Denktradition gerne vergessen machen. Dennoch gibt es sie. Zugegeben, die Sache ist vertrackt: Wenn Liebe die körperliche Attraktion voraussetzt, schließt das die Nächstenliebe aus. Von der Feindesliebe ganz zu schweigen. Schließlich kann ich meine Liebe für den Nächsten nicht davon abhängig machen, ob ich ihn begehre oder nicht. Deshalb meinte man, den Eros weitestgehend heraushalten zu müssen aus der christlichen Lehre. Er sollte eingehegt, kontrolliert, institutionalisiert werden. Etwa durch das Sakrament der Ehe.

Frage: Und mit dem haben Sie sicher ein Problem. Ein Sakrament setzt die Anwesenheit Gottes voraus. Das muss Ihnen als Philosoph doch reichlich fremd und unwissenschaftlich vorkommen.

Trawny: Ganz und gar nicht. Ich kann der Institutionalisierung der Liebe durch die Ehe durchaus viel abgewinnen. Sie machte und macht noch immer die Liebe für viele Menschen überhaupt erst lebbar. Gleichzeitig gibt der Sakrament-Charakter der Liebe einen höheren Sinn, der ihrem Wesen durchaus angemessen ist.