Die dringlichste Figur der deutschen Musiklandschaft ist dieser Tage eine jüdische Kreatur aus Lehm. Der Golem, der erstmals im Buch Sefer Jetzira, einem wichtigen Werk der Kabbala, erwähnte Superheld. Vom Menschen wird er mit hebräischer Buchstabenmythik als Leibwächter und Kettenhund beschworen, der sich aus Träumen und Traumata seines Herrn speist. In der Popkultur taucht der Golem in der Mystery-Serie Akte X oder bei den Simpsons auf, und auch in der Literatur ist er allgegenwärtig. Von Gustav Meyrink bis Terry Pratchett oder Marge Piercy nutzten Autoren und Autorinnen das Motiv des magischen Monstrums. Dabei ist der spannende Aspekt des Golems stets, dass sich das Geschöpf gegen seinen Schöpfer wendet.

Im vorliegenden Fall heißt der Schöpfer Tarek Ebéné, ein Rapper und Sänger, der seit Jahren im Verbund mit seiner Band K.I.Z. zu den Erfolgreichsten und Einflussreichsten der Branche gehört. Und zu den ultimativen Wegweisern des ironisch versierten Deutschrap: Mit Vorliebe zelebriert die Gruppe das Spiel mit den Grenzen des Humors. Doch wenn der erste Beat seines diese Woche erscheinenden Soloalbums Golem einsetzt und man Tareks vom Audio-Effekt Autotune leicht verzerrte Stimme singen hört: "Mein Kollege fragt mich: Tarek, na wie geht’s? / Jede Menge Rechnungen, und mein Vater hat Krebs", dann weiß man: Hier endet der Ironie-Raum, in dem es sich bisher so gemütlich verweilen ließ. Jetzt geht es an die Substanz.

Mit nicht einmal Mitte 30 sind Tarek Ebéné und die anderen beiden Bandmitglieder Nico Seyfrid und Maxim Drüner seit bereits 20 Jahren gemeinsam als K.I.Z. unterwegs. Einige sehen die Band in der Tradition des verstorbenen Aktionskünstlers Christoph Schlingensief. Andere drehen sich angewidert weg, beispielsweise wenn Oliver Polak, Komiker und Sohn eines Schoah-Überlebenden, die Hauptrolle in ihrem Video Ich bin Adolf Hitler übernimmt, in dem es heißt: "Baby, du weißt, wenn ich mit meinem Finger schnipse / Stehst du plus zwei auf Schindlers Liste". In ihren Texten wechseln sich marxistische Analysen mit dadaistischem Nonsens ab. Bei ihren Konzerten vor mittlerweile 30.000 Leuten hält die Band, die ihren Anfang in den besetzten Häusern Berlins fand, in militärischer Einheitskleidung und vor monströsen Statuen ihrer selbst den Kritikern entgegen: "Es liegt an eurem geistigen Fassungsvermögen / Wenn ihr bei K.I.Z. nicht lacht, ihr Amöben". Weil sie sich in einem ihrer Songs ausmalen, wie es wohl wäre, wenn Pippi Langstrumpf auf so was wie die Rütlischule ginge ("Ich rasiere mein Äffchen und lass es anschaffen / Tret so lange auf dein’ Kopf, bis vier und drei acht machen"), nennt sie die Bild-Zeitung, wo man offensichtlich weder lyrisches Ich noch Rollenprosa kennt, bevorzugt "Hass-Rapper". Man kann nicht gerade behaupten, dass dies der Band geschadet hat. Ganz im Gegenteil: Mehrere Hundert Millionen Mal wurden ihre Songs bei YouTube und Spotify abgerufen.

Golem ist nun das erste Soloalbum aus dem K.I.Z.-Kosmos, und es ist ein Paradebeispiel für ein Werk, das sich irgendwann mit voller Wucht gegen den Schöpfer richten könnte. Ob in der dystopischen Eröffnungsballade Ticket hier raus, in der er lethargisch-zynisch über die kleinen Glücksmomente des Alltags rappt ("Wieder mal springt irgendjemand auf das Bahngleis / Und der Rest von uns kann später zur Arbeit"), oder in Kaputt wie ich, wo er feststellt: "Ich bin in schlechter Gesellschaft, wenn ich alleine bin" – immer wieder geht es um innere Dämonen und die Flucht vor ihnen. Der ein oder andere Fan, so konnte man es im Internet lesen, zeigte sich enttäuscht, als die ersten Singles und dazugehörigen Videos erschienen. Zu viel Gesang, zu viel Autotune, zu wenig "Auf die Fresse"-Rap. Vielleicht sogar zu viel Gefühl.