Die Musik von nebenan – Seite 1

Er ist drüben wirklich der Größte – hier kennt ihn niemand", sagt der Showmaster Alfred Biolek am 28. Oktober 1982 in seiner Sendung Bios Bahnhof. Es ist Donnerstagabend, Primetime in der ARD, das Privatfernsehen gibt es noch nicht. Biolek meint den türkischen Sänger Barış Manço. Für die 1,5 Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln, die damals in der Bundesrepublik leben, ist es ein großer Augenblick. Fast jeder hat ihn auf VHS-Kassette aufgezeichnet. Was bedeutet es also, dass niemand "hier" Barış Manço kennt? "Hier im deutschen Fernsehen" oder "hier innerhalb unserer Leitkultur"? Es stimmt einfach nicht. Barış Manço ist der mit Abstand größte Star der Türkei, ein Pionier der anatolischen Rockmusik, eine rare integrative Figur in einem Land, das über alles zerstritten scheint.

Die Biolek-Sendung ist ein Stück türkisch-deutscher Fernsehgeschichte – auch deshalb, weil Barış Manços Auftritt ein Gespräch mit einer "echten" Gastarbeiterfamilie vorangeht, mit der Familie Uslu. Es ist ein wohlmeinendes Geplänkel unter Fremden. Biolek nimmt eine Einladung zum Essen gerne an, am liebsten, wenn der Vater kocht. Doch als er den 21-jährigen Sohn Mahir interviewt, rutscht es ihm heraus: "Wo merken Sie hier, dass man die Türken nicht mag?" Schnell setzt er nach: "Wobei ich sagen muss, man ist gefährlich, denn es gibt sehr viele, die sehr freundlich sind. Ich hoffe, dass Sie die Erfahrung auch gemacht haben."

Der Sohn sagt, dass er natürlich eines Tages in die Türkei ziehen möchte, in Deutschland herrschten zu viele Vorurteile, nicht einmal in die Disco werde er gelassen. Hinter ihm lacht eine blonde Frau im Publikum. Biolek hakt kurz nach, moderiert die Sache dann aber schnell ab mit der scherzhaft gemeinten Bemerkung, dass Mahir ja einen Schnurrbart trage und man ihn dadurch leicht als Türken erkenne. Es will ihm einfach nicht gelingen, seinen Gästen von gleich zu gleich zu begegnen.

Auch die türkische Kultur bleibt in Bioleks Sendung etwas Fremdes und Exotisches. Der Sänger Barış Manço wird auf die Bühne gebeten. Er ist mit seiner Band weltweit unterwegs, sechs Jahre zuvor hatte er einen Nummer-eins-Hit in England, Frankreich und Belgien. Biolek fragt auf Englisch, ob er den Wunsch nach einer internationalen Karriere hege. In perfektem Englisch bejaht Manço, doch der Showmaster zeigt sich verwundert: "Sehr ungewöhnlich, dass jemand so europäisch denkt."

Das alles ist fast 40 Jahre her. Heute würde man das Gespräch anders führen. In den Achtzigerjahren ist Alfred Biolek der einzige deutsche Talkmaster, der überhaupt neugierig ist und immer wieder türkische Themen ins Fernsehen holt. Ansonsten hält sich die Neugierde in Grenzen. Dabei bilden Türkeistämmige schon damals die größte Einwanderergruppe in der Bundesrepublik: Nach 1961 kamen sie – bis zum Anwerbestopp 1973 – als Gastarbeiter, von 1980 an dann zumeist als Flüchtlinge, nachdem sich das Militär in der Türkei an die Macht geputscht hatte.

Türküola-Alben gibt es nicht im Plattenladen, sondern beim Gemüsehändler

In der Bundesrepublik hat sich zu dieser Zeit längst ein vielfältiges türkisches Kulturleben entwickelt. Besonders die Musikproduktion floriert: Türküola aus Köln bringt es gar zur erfolgreichsten unabhängigen Plattenfirma der Republik – mit einem Programm für ein fast ausschließlich türkischsprachiges Publikum. Das Label war das erste seiner Art und existiert bis heute. Mehr als 1000 Alben, Singles und Compilations hat es seit 1968 veröffentlicht; 674 von ihnen sind in der Deutschen Nationalbibliothek in Berlin verfügbar. Gegründet hat die Firma Yılmaz Asöcal, der 1955 nach Deutschland kam, um Germanistik zu studieren.

Die meisten deutschen Unternehmen sehen in den Gastarbeitern damals lediglich billige Arbeitskräfte. Als Kunden werden sie noch nicht wahrgenommen, als selbstständige Unternehmer schon gar nicht: Migranten dürfen ein eigenes Gewerbe nur an der Seite eines deutschen Partners anmelden. Yılmaz Asöcal, der zunächst eine Firma mit dem Namen Türkisch-Deutsch-Export betreibt, lässt sich davon nicht abschrecken: Für sein Plattenlabel erwirkt er eine Sondergenehmigung – mit Unterstützung des SPD-Politikers Hans-Jürgen Wischnewski, der damals dem SPD-Unterbezirk Köln vorsitzt.

Asöcal spürt, dass türkische Musik ein Grundbedürfnis seiner Landsleute ist. Aber es gibt sie in der Bundesrepublik nirgends zu kaufen. Sie in die etablierten Vertriebswege einzuspeisen, um sie in die Regale der Kaufhäuser und Plattenläden zu bringen, scheint ihm wenig aussichtsreich, zumal er vor allem die türkische Kundschaft im Blick hat. Also fasst er einen anderen Plan und kümmert sich selbst um den Vertrieb: Beim Händler an der Ecke, neben Obst und Gemüse, türkischen Filmen und Unterhaltungselektronik soll seine Musik stehen!

Die türkische Musik bleibt in ihrem Paralleluniversum

Anfangs presst Asöcal Schallplatten von bekannten türkischen Sängerinnen und Sängern, doch schnell baut er auch eigene Stars auf, wie den Ford-Arbeiter Metin Türköz, der auf 13 Alben und 72 Singles die Sorgen und Wünsche der ersten Gastarbeitergeneration besingt. Eine Figur tritt in seinen Texten immer wieder auf: der Mayistero, der deutsche Vorarbeiter am Fließband. Und der kriegt gehörig sein Fett weg. Mitbekommen hat es der "Meister" wohl kaum: Außerhalb der türkischen Community kennt und versteht niemand Türköz’ Lieder.

Wichtiger noch als die LP ist für Türküola die günstigere Vinylsingle. Doch zum Hauptmedium wird die Kompaktkassette, die in den Siebzigerjahren den Markt erobert und den großen Vorteil hat, dass man sie auch unterwegs abspielen kann.

Sommer für Sommer fahren Tausende türkische Familien, meist mit dem Auto, in die Ferien zu ihren Verwandten nach Anatolien, den Kofferraum voller Hochzeitsgeschenke und Elektronikwaren, die in der Türkei unerschwinglich sind. Für diese dehydrierenden Trips brauchen sie nicht nur eine Menge Wasser, sondern auch eine Menge Musik. Die zermürbenden Fahrten verlangen dem Musikmaterial viel ab. Uzelli Kaset, das Frankfurter Pendant zur Kölner Türküola, entwickelt deshalb besonders hitzebeständige Kassetten.

Millionen türkischer Tonträger werden von den späten Sechzigerjahren an in der Bundesrepublik verkauft. Besprechungen in Musikmagazinen gibt es keine, auch keine popkulturellen Betrachtungen in den Feuilletons. Die Starschnitte in der Bravo sind westlichen Popgrößen vorbehalten, überregionale Fernsehauftritte türkischer Musikerinnen und Musiker lassen sich an zwei Händen abzählen. Auch bei der Ermittlung der Charts werden Firmen wie Türküola nicht berücksichtigt. Die türkische Musik bleibt in ihrem Paralleluniversum; die wenigsten Deutschen kommen mit ihr in Berührung. Und wenn doch, klingt sie in ihren Ohren oft fremd, da sie nicht nur auf Ganz- und Halbtönen beruht, wie die meisten Westeuropäer es gewohnt sind, sondern auch Vierteltonschritte kennt.

Die Liedtexte kreisen um die Sehnsucht nach Geborgenheit, ums Aufbegehren, um den rauen Alltag und den Wunsch, ihm zu entfliehen. Besonders schwermütig hört sich dies im sogenannten Arabesk an, einer Stilrichtung, die Ende der Sechzigerjahre aus einer Kreuzung arabischer und türkischer Musik hervorgeht. Sänger wie Orhan Gencebay machen das Genre zum Inbegriff eines düsteren, melancholischen Lebensgefühls. Arabesk ist die Musik der Armen und Verzweifelten. Bei Konzerten des Sängers Müslüm Gürses kommt es in der Türkei regelmäßig zu massenhaften Selbstverletzungen (man schreibt ihm deshalb sogar ein eigenes Subgenre zu: Ader-Musik). Mit der Zeit jedoch wandelt sich Arabesk zum Massenphänomen. 800.000-mal, nach heutigem Standard Doppelplatin, verkauft sich die 1970 erschienene Single Beyaz Atli ("Der Schimmelreiter")von Yüksel Özkasap, der "Nachtigall von Köln". Deutsche ohne türkische Wurzeln haben ihren Namen wahrscheinlich nie gehört und kennen auch ihre anderen Hits nicht, wie Nasıl Oldu Yolum Düştü Köln’e – "Wie kommt es, dass ich in Köln gelandet bin?". Özkasap lebt bis heute in der Stadt am Rhein, mit ihrem Ehemann, dem Türküola-Gründer Yılmaz Asöcal. Aus vollem Herzen mitsingen konnten ihr Lied aber auch all jene Gastarbeiter und Gastarbeiterkinder, die es nach Stuttgart oder Frankfurt verschlagen hatte, nach Kassel, West-Berlin oder Hannover.

"Helmut Kohl und auch Strauß wollen Ausländer raus", reimt das Duo Derdiyoklar

In München gründet der Einwanderer Tahir Minareci 1969 eine Musikfirma. Und wie bei Türküola aus Köln und Uzelli Kaset aus Frankfurt erscheinen bei Minareci mehrere Hundert Tonträger. Unter ihnen ist auch das wegweisende Debüt der Gastarbeiter-Band Grup Doğuş von 1975, auf dem die Musiker in bis dahin ungehörter Weise kulturelle Identitäten aufbrechen und musikalisch verschmelzen. Heute begeistern sich für ihren Mix aus anatolischem Pop und westlichem Psychedelic Rock Hörer in aller Welt: 2019 wurde das Album auf sämtlichen Streamingplattformen und, wie manch andere vergessene Aufnahme, als LP wiederveröffentlicht. In den Siebzigerjahren haben die Musiker zumindest regional einigen Erfolg. Sie treten in München, in Nürnberg, in Lörrach und Regensburg auf, geben Konzerte in Österreich und in der Schweiz. Schon bald aber bekommen sie den grassierenden Fremdenhass zu spüren, der die gesamten Achtzigerjahre prägen wird, und lösen ihre Band aus Angst vor rassistischen Übergriffen auf. Der Bandleader Tufan Aydoğan heuert daraufhin als Nachtclubmusiker in Münchens Topkapı Taverna an. Mit etwas Glück trifft man den legendären Hammondorganisten noch heute an, wenn er in den Restaurants der Stadt in die Tasten greift.

Musikclubs, in denen türkische Bands auftreten, gibt es mittlerweile in jeder größeren deutschen Stadt. Das größte Publikum – mit bis zu 1000 Gästen und mehr – finden türkische Gruppen jedoch nach wie vor auf Hochzeiten. Manche Band brachte es so zu Geld und Ruhm, keine aber mit derart durchschlagender Wirkung wie Derdiyoklar Ikilisi, das Duo von Ali Ekber Aydoğan und İhsan Güvercin, beide Angehörige der alevitischen Minderheit.

1974 kam Aydoğan nach Deutschland, 1978 lernte er hier Arif Sağ kennen, einen Virtuosen auf der Bağlama, der anatolischen Langhalslaute. Von dieser Begegnung inspiriert, erfand er einen eigenen Musikstil: Disko Folk, ein wuchtiges Amalgam aus türkischer Tradition, Disco und flimmerndem Krautrock. Bei ihren Auftritten bedienen Aydoğan und Güvercin stets mehrere Instrumente gleichzeitig; an Wochenenden spielen sie oft auf zwei Hochzeiten am Tag – und die Gage muss nur halbiert werden. Nachahmer finden sich schnell, sie nennen sich dreist Deridoklar oder Derdiçoklar. Andere adaptieren lediglich das lukrative Duo-Prinzip, wie Akbaba Ikilisi aus Frankfurt. Zahlreiche private Hochzeitsauftritte aus der Camcorder-Ära der Achtziger- bis Nullerjahre lassen sich heute auf YouTube bestaunen.

Ein bisschen Neugier würde genügen

Vorgetragen werden meist Volkslieder. Viele Stücke stammen aus der Feder wandernder Poeten, die, wie vor Jahrhunderten, durch anatolische Städte und Dörfer ziehen. Diese Aşıks, wie sie genannt werden, singen und erzählen von Liebe, Tod und anderen zeitlosen Themen, verbreiten aber auch Nachrichten und verhandeln gesellschaftliche Fragen. Im Westen wird Tradition oft als etwas Althergebrachtes verstanden, in Anatolien ist sie ein steter Fluss neuer Ideen. So trägt das Liedgut zeitgenössischer Wanderdichter wie Mahzuni Şerif und Neşet Ertaş entscheidend zu dem Kanon bei, aus dem sich Gruppen wie das Hochzeitsduo Derdiyoklar Ikilisi bedienen. Derdiyoklar schreiben allerdings auch eigene, durchaus kritische Texte: In dem Song Liebe Gabi aus dem Jahr 1983 heißt es "Helmut Kohl und auch Strauß wollen Ausländer raus" – ein Kommentar auf das Vorhaben von CDU und CSU, türkische Migranten mittels Geldprämie zur Rückkehr in ihrer frühere Heimat zu bewegen.

Nach dem Militärputsch 1980 suchen auch viele Musiker Zuflucht in der Bundesrepublik

Besonders die hier geborene zweite und dritte Generation der Türkeideutschen leidet bis heute unter einem Mangel an Zugehörigkeitsgefühl: Den Deutschen gelten sie als Türken oder bestenfalls als "Deutschtürken", den Türken in der Türkei dagegen als "Deutschländer", Almancı. Deutschländer haben Geld und kennen sich nicht aus, für sie fährt der Taxifahrer gern mal einen Umweg. In Deutschland sehen sie sich oft auf türkische Klischees reduziert.

"Und die Kinder dieser Menschen sind geteilt in zwei Welten, ich bin Ata und frage euch, wo wir jetzt hingehören", singt Ozan Ata Canani in Deutsche Freunde. Geschrieben hat er das Lied 1977. Gelegenheit, es im Studio aufzunehmen, erhielt er aber erst 2013, als das Münchner Label Trikont den Sampler Songs of Gastarbeiter herausbrachte. Ihre Aktualität haben seine Zeilen in der Zwischenzeit nicht verloren. Ata Canani verfasste 1977 einen ganzen Zyklus deutschsprachiger Lieder. Doch weder Türken noch Deutsche, sagt er, hätten sie hören wollen. Sie sind bis heute unveröffentlicht geblieben.

Als sich die Türkei im Herbst 1980 in eine Militärdiktatur verwandelt, wird die Musikproduktion aus Almanya noch wichtiger. Die neuen Machthaber schränken das kulturelle Leben rigoros ein. Die Repressionen treffen, neben der linken Opposition, besonders Kurden und Aleviten. Etliche Künstler, Schriftsteller und Musiker flüchten oder werden ausgebürgert wie der Rockmusiker Cem Karaca. Die Bundesrepublik ist für viele von ihnen die erste Adresse. Und oft sind es in den kommenden Jahren Exilanten wie Karaca, die versuchen, eine Brücke zwischen der türkischen Community und der deutschen "Mehrheitsgesellschaft" zu schlagen. So veröffentlicht Cem Karaca 1984 ein Album in deutscher Sprache. Und der Schauspieler, Musiker und Radiomoderator Nedim Hazar (der Vater des Rappers Eko Fresh) gründet 1983 die deutsch-türkische Band Yarınistan, Morgenland. 1986 erhält er den Preis der deutschen Schallplattenkritik.

Ende der Achtzigerjahre, als Rap und Hip-Hop aufkommen, wird die Zusammenarbeit zwischen türkeistämmigen und deutschstämmigen Musikern mehr und mehr zur Normalität. Gruppen wie Cartel, DJ Mahmut & Murat G oder Islamic Force mischen ganz selbstverständlich Türkisch, Deutsch und Englisch. Sie treten vor gemischtem Publikum auf und verwandeln, wie später der Schriftsteller Feridun Zaimoglu, das Schimpfwort "Kanake" in eine trotzig stolze Selbstbezeichnung. Türkçe Rap wird zum ersten echten türkisch-deutschen Exportschlager in der Türkei und nach den rechtsextremen Mordanschlägen von Mölln (1992) und Solingen (1993) zu einem Ventil für den Protest gegen Alltagsrassismus und rechte Gewalt.

Heute schaffen es Rapper wie Haftbefehl (Aykut Anhan) und Mero (Enes Meral) bis an die Spitze der Charts. Ein Fortschritt, wenn auch mit schalem Beigeschmack, denn als Türkeideutscher scheint man in diesem Genre bislang nur in einer Rolle reüssieren zu können: als Gangster.

In ihrer ganzen Vielfalt dagegen ist die türkische und deutsch-türkische Musikkultur, die hierzulande auf immerhin mehr als ein halbes Jahrhundert zurückblicken kann, den meisten Almans noch immer kaum bekannt. Dabei würde ein bisschen Neugier genügen, ein Gespräch mit dem Nachbarn, der Arbeitskollegin, den Schulfreunden, um ihr zu begegnen: Barış Manço, Yüksel Özkasap und Cem Karaca wohnen seit Jahrzehnten gleich nebenan.