Mittlerweile gibt es zahllose Beispiele für den Erfolg dieser Idee. So legte Scarlett Johansson 2018 eine Transgender-Filmrolle nieder nach Protesten (sie sei ja nicht trans, könne also nicht ...). In Portland schlossen 2017 zwei weiße Frauen ihren Burrito-Imbiss nach Boykottaufrufen (dies sei doch gar keine echte, von echten Mexikanern bereitete Küche). In der Modewelt ist es längst verpönt, für Ornamente oder Dekorationen Anleihen bei indigenen Mustern zu machen. Was bedeutet das aber für die Wahrnehmung von Musik, Kunst, Literatur? Kann ich noch tollpatschig zu Rap tanzen, oder verhöhne ich damit die Sklaverei? Steht es mir zu, eine Rezension zu American Dirt zu verfassen, auch wenn ich keine Latina, gar Mexikanerin bin?

Allerdings lief vieles in der Marketingphase für das Buch zumindest ungeschickt. Cummins identifizierte sich viele Jahre öffentlich als "weiß", erst seit American Dirt als "Latina". Das Buchcover zeigt Maschendraht und blaue Vögel auf weißem Grund, in Anspielung auf die Grenze sowie auf traditionelle Talavera-Fliesen. Auf Instagram postete Cummins ihre in Maschendraht-Talavera-Optik lackierten Nägel – für viele platt-freche Ästhetisierung des Grenztraumas. Bei der Buchpremiere bestand die Tischdekoration aus Pappquadern, die mit Maschendraht umzäunt und mit lila Blumen bekrönt waren. Für die lateinamerikanischen Kritiker des Buches scheint es problematisch, dass die Autorin die Empathie, die sie im Nachwort für ihre Figuren einfordert, nicht über die literarische Darstellung der Realität ermöglicht, sondern nur mit einer fernen, ästhetisierten Version davon. Das wirke wie der Edle-Wilde-Blick eines Kolonialisten auf das Leid der anderen.

Dabei weist Cummins’ Buch Schwächen auf, die momentan unverzüglich politisiert werden. "Mexikanische" Referenzen entstammen darin oft eher dem Bereich US-Popkultur. Und die männlichen Charaktere sprechen wie bartzwirbelnde Sombreros oder Gigolos, oft in gebrochenem Englisch. Warum nicht korrektes Englisch schreiben, da sie ja eigentlich Spanisch sprechen? Oft wirke es, als träten Amerikaner im Mexikanerkostüm auf, so die Kritiker.

Weder die Kunst noch die Literatur können allerdings ganz ohne Klischee auskommen. Und hat nicht Harriet Beecher-Stowe 1852 mit der stereotypischsten aller Sklavenfiguren – Uncle Tom – den Menschen die Gräuel der Südstaatensklaverei höchst populär nahegebracht?

Die Konfliktlinien werden momentan scharf gezogen. Gegner des Verbots kultureller Aneignung sehen ein Ende der künstlerischen Freiheit, fühlen sich zurückversetzt in das 19. Jahrhundert, als Gustave Flaubert angeklagt wurde, weil er mit der literarischen Frauengestalt Madame Bovary unzüchtige Gedanken verbreite und Untreue propagiere. Autoren, die sich an das Verbot kultureller Aneignung halten, werden vielleicht insgeheim als Feiglinge und Hörige des Buchbetriebs eingeschätzt, öffentlich jedoch herrscht momentan Nachgiebigkeit, wie es nicht nur die Reaktion von Flatiron zeigt. Aber warum eigentlich so oft jeglichem Druck nachgeben, wie Winfrey, Hayek oder der Flatiron-Verlag? Die Zeitschrift The Nation löschte 2018 das Gedicht How-To von Anders Carlson-Wee von der Website, da es – so die Beschwerde – im Timbre afroamerikanischen Slangs die Qual obdachlosen Lebens beschreibe, die schwarze Gemeinde stigmatisiere.

Den Kern der Debatte um kulturelle Aneignung hat jedoch schon die britische Autorin Zadie Smith, Tochter einer Jamaikanerin und eines weißen Engländers, in einem Essay 2017 präzise benannt: Die Frage sei doch, schreibt Smith angesichts tausenderlei menschlicher Hautfarbenschattierungen, ob der Schaffende seinem Sujet gerecht wird. Die Person des Künstlers dürfe bei der Schaffung von Kunst oder Literatur keine Rolle spielen, denn "wenn das Argument der Aneignung mit einem essentialistischen Rassenbild einhergeht", dann werde es bald völlig absurd: "Sind meine Kinder zu weiß, um sich mit dem Leid der Schwarzen zu beschäftigen? Wie schwarz ist schwarz genug?"

Was aber wäre Weißsein überhaupt? Ist es nicht ebenfalls eine komplexe Kategorie, die verschiedenste Erfahrungswelten umfasst? Und wie kann man zukünftig überhaupt noch schreiben? Die Schriftstellerin Doris Lessing riet einmal: Nur die Fantasie könne zur Wahrheit vordringen.