Deutschland streitet über die Vollverschleierung. Das ist erstaunlich, denn: Wann haben Sie zuletzt eine Frau im Nikab oder gar in der Burka gesehen? Und zwar nicht nur in den Nachrichten über Syrien, sondern in echt? Nicht freitags vor einer Moschee in Neukölln, sondern im Alltag?

In Deutschland trägt die überwältigende Mehrheit der muslimischen Frauen kein Kopftuch. Und ein Schleier, der nur die Augen frei lässt (Nikab), oder gar ein verhüllendes Gewand mit nur einem Stoffgitter vor den Augen (Burka) sind die große Ausnahme. Gibt es da überhaupt politischen Rede- oder gar Regelungsbedarf? Tatsächlich wird im Norden der Republik nun über Verbote diskutiert, weil in Hamburg eine Schülerin darauf bestand, vollverschleiert zum Unterricht zu kommen, und in Kiel eine Studentin so zur Universität. Dass diese Einzelfälle jetzt zu Präzedenzfällen geworden sind, liegt vor allem an der Uneinigkeit darüber, wie weit die Religionsfreiheit reicht. Es liegt an dem Glauben, dass alles, was religiös begründet wird, akzeptabel ist – wenn nicht sogar sakrosankt.

Was ist passiert? Erster Fall: Eine Berufsschule in Hamburg wollte einer Schülerin verbieten, in einem Gewand mit Sehschlitz zum Unterricht zu kommen – doch das Verwaltungsgericht gab der 16-Jährigen recht: Im Schulgesetz gebe es keine Vorschrift, die ein Verbot rechtfertige. Daraufhin kündigte der Schulsenator Ties Rabe von der SPD an, Beschwerde bei der nächsten Instanz einzulegen und nötigenfalls das Schulgesetz zu ändern. CDU und FDP forderten unisono ein Verbot der Vollverschleierung im Unterricht.

Zweiter Fall: In Kiel war eine zum Islam konvertierte Studentin vollverschleiert zu den Vorlesungen erschienen. Die Universität verhängte ein Verschleierungsverbot und bat den Landtag, dies rechtlich abzusichern. Doch die Gesetzesnovelle der schleswig-holsteinischen Regierungskoalition aus CDU, FDP und Grünen scheiterte am einstimmigen Nein der Grünen. Das bescherte Letzteren Kritik namhafter Parteifreunde, etwa vom früheren Bundesvorsitzenden Cem Özdemir und vom Tübinger Bürgermeister Boris Palmer. Beide ließen es nicht an Schärfe fehlen: Bei der Vollverschleierung gehe es darum, "die Frau im öffentlichen Raum unsichtbar zu machen". Solche Schleier hätten "in einer aufgeklärten Gesellschaft keinen Platz".

Noch Montag früh sah es so aus, als könnte der innerparteiliche Dissens einen überparteilichen Streit befeuern. Doch bereits am Montagabend schien der auf wundersame Weise befriedet, und das lag vor allem an Hamburg. Dort positionierten sich namhafte Grüne eilends gegen die Vollverschleierung von Schülerinnen. Anjes Tjarks, Vorsitzender der grünen Bürgerschaftsfraktion: "Im Unterricht ist es zentral, das Gesicht des anderen zu sehen." Katharina Fegebank, grüne Bürgermeisterkandidatin: "Burka und Nikab sind für mich Unterdrückungssymbole." Beide Politiker forderten, das Schulgesetz zu ändern. Denn für einen erfolgreichen Schulunterricht müsse man das Gesicht des anderen sehen. Statements anderer Parteien klangen ähnlich, fast, als sei man erleichtert über dieses etwas abseitige und gerade darum konsensfähige Islamstreitthema – weil die Burka im Gegensatz zum vieldeutigen Kopftuch nicht ins argumentative Nirwana führt und weil man sich dann nicht gegenseitig niedermachen muss (Ihr Islamistenversteher! Ihr Islamfeinde!).

Aber ganz einig wurde man nicht. Sabine Boeddinghaus, bildungspolitische Sprecherin der Linken in Hamburgs Bürgerschaft: "Ich würde mich freuen, wenn junge Frauen sich nicht vollverschleiern, aber ein Verbot kann bewirken, dass das Mädchen aufgerieben wird zwischen dem Glauben seiner Familie und der Schulpflicht." Sie fände es zwar auch nicht schön, wenn Kinder Kopftuch trügen, weil sie das vermutlich unfreiwillig machten. Aber ein Verbot treffe immer das einzelne Kind, nicht den Islamismus, den man doch kritisieren wolle. Ann-Kathrin Tranziska, Landesvorsitzende der Grünen in Schleswig-Holstein, legt Wert darauf, dass die Grünen die Vollverschleierung generell nicht gutheißen, befürwortet auch ein Verschleierungsverbot für Schülerinnen – nicht aber für Studentinnen. "Alle Frauen und Mädchen sollen an Bildung partizipieren. Für Kinder gibt es die Schulpflicht, aber eine Studentin, die von einem Vollverschleierungsverbot betroffen wäre, würde wahrscheinlich der Uni fernbleiben." Verletzt würde durch ein Verbot auch die Religionsfreiheit: "Eine weltoffene und rechtsstaatliche Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass man sich aussuchen kann, religiöse Symbole zu tragen oder auf sie zu verzichten."

Nur ein religiöses Symbol? Das war das entscheidende Stichwort. Weil die Vollverschleierung ebenso wie das Kopftuch keine zwingende islamische Vorschrift ist, glauben manche Verbotsbefürworter, die Burka sei durch die Religionsfreiheit nicht geschützt. Weil sich die religiöse Symbolik des Schleiers aber auch nicht abstreiten lässt, glauben manche Verbotsgegner, ein Verbot wäre religionsfeindlich. So einfach ist es nun nicht, zumal es meist Vertreter des politischen Islams sind, die hierzulande Vollverschleierung als Beweis besonderer Frömmigkeit propagieren.