Er ist jetzt der bekannteste Virologe Deutschlands. 2003 hat er das Sars-Virus entschlüsselt, nun den ersten Nachweistest für das neue Coronavirus aus Wuhan entwickelt. Seither fragt alle Welt um seinen Rat. Es müsste eigentlich unmöglich sein, an Christian Drosten heranzukommen.

Doch der Direktor des Instituts für Virologie an der Berliner Charité hält sich radikal an eine Strategie, die er schon während der Sars-Epidemie zu seinem Credo gemacht hat: Alle Informationen müssen raus, alles muss an die Öffentlichkeit. Nur so lässt sich ein Virus in Schach halten. Also hastet Christian Drosten – etwas spät ist er dran, gerade war er im Auswärtigen Amt – am vergangenen Montag in sein Büro, sieht noch schnell ein paar E-Mails durch, nimmt an einem runden Naturholztisch Platz, lehnt sich zurück und ist fokussiert.

Ist die Lage angesichts des technischen Fortschritts heute im Vergleich nicht viel besser als während der Sars-Epidemie? "Ich weiß nicht", sagt Drosten. Auf der einen Seite habe man mit vielen Genomanalysen sehr schnell herausfinden können, dass das Virus noch nicht lange unter Menschen zirkuliere. "Das ist gut, um die Epidemie einzuschätzen." Auf der anderen Seite habe sich die Mobilität der chinesischen Gesellschaft drastisch verändert. "Ich kann mir gut vorstellen, dass sich die schnelle Verbreitung des jetzigen Virus allein daraus erklärt."

Der 47-jährige Mediziner beschäftigt sich schon sein ganzes Berufsleben mit Coronaviren. Als der Sars-Erreger (Schweres Akutes Respiratorisches Syndrom) Ende 2002 seinen Seuchenzug antrat, wusste zunächst niemand, um was für einen Keim es sich handelte. Damals arbeitete Christian Drosten am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg und entwickelte Diagnostiktests für Infektionskrankheiten. Es gelang dem Nachwuchswissenschaftler, den Erreger von Sars zu identifizieren, ein Coronavirus, das dem aktuellen 2019-nCoV in China ähnelt.

Mit einem Kollegen konnte er damals in kürzester Zeit einen Nachweistest präsentieren. Zwei Jahre später erhielt er dafür das Bundesverdienstkreuz. Mit nur 35 Jahren wechselte Drosten dann als Leiter zum Institut für Virologie am Universitätsklinikum Bonn, zehn Jahre später ging er an die Charité.

Dort verfolgt der Virologe mit seinem Team jetzt seit Wochen jeden Winkelzug des neuen Coronavirus. Ohne es selbst im Labor gehabt zu haben, entwickelte er den Test dafür.

Drosten behauptet nicht, er verstehe das Virus bereits. Wie alle Beteiligten muss er damit umgehen, dass sich die Datenlage stündlich ändert. Zuerst hieß es aus China, das Virus könne nicht von Mensch zu Mensch übertragen werden. Das war bald überholt. Dann hieß es, drastische Maßnahmen wie die Abriegelung ganzer Metropolen könnten das Virus in China eindämmen. Eine Fehlannahme.

Das Bild des Coronavirus stellt sich langsamer scharf, als es die rasante Medienwelt verlangt. Deshalb formuliert Drosten an diesem Tag nur eine Arbeitshypothese: Das neuartige Coronavirus sei im Prinzip wie Sars. Zu diesem Zeitpunkt leitet er daraus ab, dass sich 2019-nCoV nur von Menschen mit Symptomen übertragen lässt.

Einen Tag später heißt es, in Bayern habe eine Chinesin aus Schanghai das Virus an Mitarbeiter einer Firma übertragen, angeblich war sie asymptomatisch. Ein Alarmsignal: In symptomlosen Wirten kann das Virus unerkannt weit reisen und unterwegs viele Menschen infizieren. Im renommierten New England Journal of Medicine (NEJM) erscheint ein Fachartikel über den bayerischen Fall, der Globale Gesundheitsnotstand wird von der WHO ausgerufen.