Dieses Buch wird, da bin ich mir sicher, Geist, Seele, ja Brustkorb jedes Lesers weiten. Es stammt von der amerikanischen Schriftstellerin Sigrid Nunez, Jahrgang 1951, und heißt Der Freund. Und tatsächlich wird dieses Buch für den Leser selbst zu jenem Freund, von dem sein Titel spricht. Ein guter Freund, mit dem man bei einem langen Herbstspaziergang über das Leben sinniert und der einen immer wieder mit seiner Menschenkenntnis, seinem bösen Witz und seiner Gabe zur Selbstbeobachtung die eigene Lebendigkeit spüren lässt.

Nunez gelingt es, eine erstaunliche Nähe zwischen Leser und Erzählerstimme herzustellen, ohne je plump zu werden, denn ihr rigoroser ästhetisch-moralischer Imperativ lautet: Delikatesse! (Eine solche ranschmeißerische Einleitung wie in dieser Rezension hätte daher vor ihr keinen Bestand.)

Der Freund ist als Roman ausgewiesen, gehört aber in das Genre der Autofiktion, also eines autobiografisch inspirierten Schreibens, bei dem es dem Leser extrem schwerfällt, die Erzählerstimme nicht mit der Autorin zu verwechseln. Aber das ist natürlich seinerseits ein Effekt literarischer (Selbst-)Inszenierung.

Am Anfang berichtet die Erzählerin, die Creative Writing an der Uni unterrichtet und selber Schriftstellerin ist, vom Selbstmord ihres engsten Freundes. Dieser, ebenfalls Schriftsteller, war dreimal verheiratet, hat darüber hinaus immer ein promiskes Leben geführt, aber die Erzählerin und er sind nur einmal im Bett gelandet, da waren beide noch im Studentenalter. Über Jahrzehnte waren sie sich gegenseitig der wichtigste Ansprechpartner. Jetzt muss sie lernen, mit dem Schmerz und dem Verlust zu leben.

Man denkt, dieser Freund müsse der Freund sein, von dem der Titel spricht. Aber das ist voreilig. Denn dieser Freund hat zwar keinen Abschiedsbrief hinterlassen, dafür aber eine Dogge. Der dritten Ehefrau, nun Witwe, gelingt es, glaubhaft zu machen, dass es unbedingt im Sinne des Verstorbenen sei, wenn der Hund bei der Erzählerin lande. So kommt es dann auch, obwohl diese in einem sehr engen Apartment in Manhattan wohnt, in dem Hundehaltung zudem laut Hausordnung verboten ist.

Ist dieser neue Zimmergenosse der Freund des Titels? Apollo heißt die Dogge, und in der Tat geht die Erzählerin eine sehr tiefe Beziehung zu Apollo ein. Und weil sie eigentlich nichts tut oder sagt oder schreibt, von dem sie nicht wüsste, wie man es von außen bewerten würde, ist ihr natürlich klar, dass die enge Bindung einer älteren Frau zu einem Haustier im Verdacht der Kompensation steht. Aber besser als abstreiten ist zugeben und analysieren: "Auch ich singe vor Freude bei dem Gedanken, ihn zu sehen, und diese Liebe ist nicht wie irgendeine andere Liebe, die ich im Leben empfunden habe."