Digitalisierung ist mehr als Programmieren. Deshalb müssen Philosophie und Informatik gemeinsam gelehrt werden.

Master

In Deutschland kann man an zahlreichen Universitäten Informatik und Philosophie studieren – doch so gut wie nirgends beides zusammen in einem interdisziplinären Studiengang. Das ist verblüffend und beunruhigend zugleich, denn im Zuge der Digitalisierung der Gesellschaft bedarf es Personen, die in beiden Fächern zu Hause sind. Genau solche Doppeltqualifizierten können bei der derzeitigen Umgestaltung der Gesellschaft wirklich kompetent mitwirken.

Wir brauchen Informatik- und insbesondere KI-Spezialisten, die nicht nur mit Begriffen wie Intelligenz oder Bewusstsein sicher umgehen können, sondern schon bei der Entwicklung der Produkte erkennen, wo sich ethisch-normative Fragen stellen und welche Verantwortungsketten sich ergeben. Und wir brauchen in den Ethikberatungsgremien Menschen, die nicht nur über Grundlagen der Moraltheorie und der Philosophie des Geistes Bescheid wissen, sondern auch eine Ahnung davon haben, bei welchen digitalen Systemen man an welchen Schaltern wie sinnvoll eingreifen kann.

Diese Experten müssen zum Beispiel sehen, wenn Inputdaten in KI-Systemen zu diskriminierenden Entscheidungen führen, um dann die Daten, die eingehen, entsprechend zu verändern. Sie müssen verstehen, welcher Maßstab angewendet wird, um Fairness bei einer Auswahl herzustellen und sich bewusst sein, dass verschiedene solcher Maßstäbe einander ausschließen. Sie müssen in der Lage sein, aufzudecken, welche Grundwerte welcher Algorithmus manifestiert: Um verdächtige Personen zu identifizieren, kann man ihn libertär einstellen, dass so wenig Unschuldige wie möglich verdächtigt werden, oder autoritär, dass so wenig Kriminelle wie möglich übersehen werden. Hundertprozentige Genauigkeit gibt es nicht.

Wir sollten deshalb an Universitäten nicht nur Programmierende ausbilden, sondern auch "Systemgestaltende": Menschen, die einen Überblick über technische und normative Zusammenhänge haben.

Bisher gibt es erst einzelne herausragende Figuren, die mit Eigeninitiative entweder zwei Studiengänge studiert oder selbstständig Kenntnisse über ihr Fach hinaus erworben haben. Die Sozio-Informatikerin Katharina Zweig in Kaiserslautern etwa oder die Philosophin für IT-Ethik Judith Simon in Hamburg können sich vor Anfragen kaum retten und den Bedarf an ihrer Expertise längst nicht ausreichend bedienen. In der Informatik selbst gibt es zwar seit den 1970er-Jahren die Unterdisziplin "Informatik und Gesellschaft", die die Auswirkungen der Technik auf die Gesellschaft thematisiert. Doch es fehlt meist der rege Austausch mit den geisteswissenschaftlichen Fächern. Das kann und muss besser werden.

Bisher kommt die Kombination von Philosophie und Informatik immerhin im Studium der Kognitionswissenschaften vor, zu denen daneben auch noch Psychologie, Neurowissenschaften oder etwa Linguistik gehört. Doch dabei wird Philosophie oft nur im letzten Semester als eines von vielen Wahlpflichtfächern angeboten. Das ist zu wenig.

Warum es bisher kaum solche interdisziplinären Masterstudiengänge gibt, ist schnell erklärt: Es mangelt an Geld für neue Dauerstellen, und es mangelt an Personal. Solange es noch kein solches Studium gibt, erfüllen nur wenige Wissenschaftler die Bedingungen für einen entsprechenden Lehrstuhl.

Deshalb sollte zum einen die Politik dafür Geld bereitstellen. Zum anderen sollte es für eine Übergangszeit mehr Durchlässigkeit zwischen den Fächern geben sowie eine zunehmende Ergänzung entsprechender Module. Wer etwa Philosophie und Mathematik im Lehramts-Bachelor studiert hat, sollte einen Informatik-Master anschließen dürfen. Es müsste Kurse zum Nachholen fehlender Kenntnisse geben sowie ein großes philosophisches Angebot im Wahlpflichtbereich. Solche Modulbausteine können schließlich zu einem interdisziplinären Studiengang führen. Ein Beispiel für einen philosophischen Baustein im Informatikstudium ist die Vorlesung "Ethics for Nerds" an der Universität des Saarlands. Dass diese Lehreinheit vom akademischen Mittelbau entwickelt wurde und auf großes Interesse bei Studierenden stößt, zeigt: Der Wille ist da. Nun braucht es noch einen Weg.