Karl Barth ist so etwas wie ein theologischer Solitär, sein Denken ragt aus der Zeit heraus. Bis heute gilt er als "Kirchenvater des Protestantismus" im 20. Jahrhundert. Mit seiner Dialektik hob er die vorherrschende Theologie seiner Zeit aus den Angeln. Unerreicht mutig und entschieden wehrte er sich gegen ein Christentum, das Gott für Krieg und Gräuel preisgibt. Den Nationalsozialisten bot er die Stirn, mit allen Konsequenzen.

Als Eberhard Busch 1965 zum persönlichen Assistenten von Karl Barth wurde, war dieser bereits ein alter Mann. Kaum jemand weiß heute mehr über den Star-Theologen als sein letzter Mitarbeiter. Drei Jahre war Eberhard Busch Teil des Barthschen Kosmos, bis dieser 1968 starb. Später trat er – unbewusst, wie er im Gespräch sagt – in die biografischen Fußstapfen seines Lehrmeisters und wurde Pfarrer in der Aargauer Gemeinde Uerkheim, nur wenige Kilometer von Safenwil entfernt, wo Karl Barth einst als Pfarrer wirkte. 1986 folgte er dann dem Ruf an den Lehrstuhl für Reformierte Theologie in Göttingen, den vor ihm bereits Barth innehatte.

Zu Besuch bei Eberhard Busch in Friedland, zehn Kilometer südlich von Göttingen, wo der mittlerweile 82-Jährige noch immer lebt. Hier wohnt er mit seiner Frau Beate in einem Haus mit riesigen Zimmern. Sie sind mit einem Klavier, geschwungenen Holzmöbeln, Spitzendecken, Büchern in Ledereinband und Geschirr mit Goldrand eingerichtet. Es gibt Tee mit Stullen.

Frage: Herr Busch, Sie sind in einem Pfarrhaus im Ruhrgebiet aufgewachsen und studierten Theologie in verschiedenen deutschen Städten. 1959 landeten Sie bei Karl Barth an der Universität Basel. Warum gingen Sie ausgerechnet in die Schweiz?

Eberhard Busch: Ich hatte damals einen Verdruss über die Situation in meiner Heimat. An den deutschen Universitäten, an denen ich studierte, gefiel es mir nicht sonderlich. Die Theologie und auch die Kirche empfand ich als ziemlich freudlos. Da wurde mir Karl Barth interessant. Bereits mein Vater studierte bei ihm. Mein älterer Bruder meinte dann, ich solle doch zu ihm nach Basel gehen. Als ich im Alter von 22 Jahren Barth zum ersten Mal im Hörsaal reden hörte, war ich – wie so viele Studenten – begeistert. Er war ein unerhört wacher Geist, eine Ausnahmeerscheinung, einmalig.

Frage: Was war einmalig an ihm?

Busch: Lassen Sie mich eine kleine Geschichte erzählen. Mein Vater plante in den 1920er-Jahren, bei Karl Barth zu studieren. Als die pietistische Verwandtschaft von seinen Plänen erfuhr, hieß es: Auf keinen Fall gehst du zu Karl Barth, der bringt dich nur vom Glauben ab! Meine verwitwete Großmutter, eine Bauerstochter, setzte sich daraufhin an den Tisch und schrieb Barth einen Brief, voll mit Fragen wie: "Glauben Sie an die Auferstehung?" oder "Sie reden von der Rechtfertigung, wissen Sie auch, was Heiligung ist?" Karl Barth antwortete ausführlich. Er bemerkte, dass die Fragen meiner Großmutter – so schlicht sie auch waren – echt waren. Für ihn war klar, dass er sich als Theologe ernsthaften Fragen stellen musste, ob von hoch oder niedrig gestellt.

Frage: War das nicht einfach nur Höflichkeit, diese Fragen zu beantworten?

Busch: Nein. Aus meiner Zeit als Assistent von Karl Barth weiß ich, dass er auch schroff und abweisend sein konnte. Aber er spürte eben auch sehr genau, wann Menschen ernste Fragen an ihn herantrugen. Barth war sehr feinfühlig und in solchen Momenten in keiner Art und Weise elitär, wie man dies vielleicht bei einem Theologen seines Formats denken könnte.

Frage: Hatte Barths Brief an Ihre Großmutter Folgen?

Busch: Ja. Seine Antworten haben sie überzeugt. Sie erklärte: Mein Sohn muss bei Karl Barth studieren. Er tat es so, dass er später tapfer bei der evangelischen Oppositionsbewegung Bekennende Kirche dabei war. Mein Vater ist Hitler nie gefolgt.

Frage: Ihr Vater war Pietist. Karl Barth war aber bekannt dafür, dass er den Pietismus kritisierte.

Busch: Barths Kritik zielte nicht auf einzelne Anhänger des Pietismus, sondern auf die Frömmigkeit der Bewegung. Er glaubte: Nicht wir steigen zu Gott in den Himmel, wie es die Frommen wollen, sondern Gott kommt auf die Erde, und zwar zu allen. Gott ist auch ein Gott der Gottlosen. Karl Barth war aber auch keiner, der einem Menschen sein Denken oder seine Herkunft ausreden wollte. Was er aber als Professor wollte: uns Studenten die Türen öffnen. Er wollte, dass wir zu neuen Einsichten gelangten.

Er war felsenfest davon überzeugt, dass man als Christ nicht Hitler folgen darf. Seine Kraft, im entscheidenden Augenblick präsent zu sein und Nein zu sagen, beeindruckt mich bis heute.

Frage: Können Sie ein Beispiel nennen?

Busch: Ihm war wichtig, auch gegenläufige Meinungen im Unterricht zu erschließen. In einem Seminar zum liberalen Theologen Friedrich Schleiermacher appellierte er an seine Studenten: "Ich will keine Einwände aus meiner Kirchlichen Dogmatik hören! Ihr müsst jetzt fühlen mit Schleiermacher, ihr müsst mit ihm leben! Nur dann lernt ihr etwas!"