Als in Berlin im Herbst 1989 die Mauer fällt, gerät in Bern die bürgerliche Ordnung ins Wanken. Eine parlamentarische Untersuchungskommission (PUK) bringt am 22. November das grotesk aufgeblähte Archiv des Schweizer Staatsschutzes wortwörtlich ans Licht: 700.000 Bürgerinnen und Bürger, Ausländerinnen und Ausländer wurden von der politischen Polizei in Listen registriert, und ihre zumeist harmlosen Handlungen oder Aussagen in Fichen festgehalten.

Die Bundesanwaltschaft führte von ihrem Hauptsitz an der Berner Taubenstraße einen innenpolitischen kalten Krieg gegen die eigene Bevölkerung.

Hunderttausende Fichierte verlangen Einsicht in ihre Dossiers. Bald ist klar: Aktenkundig sind vornehmlich Linke, Halblinke und mit Linken Bekannte, aber auch Miteidgenossen, die zu Werbezwecken das Organ der Kommunistischen Partei zugesandt bekommen haben. Zwei Drittel der Fichierten sind Ausländerinnen und Ausländer.

Wut und Unverständnis treiben die Überwachten am 3. März 1990 auf die Straße. In Bern vor dem Bundeshaus demonstrieren sie gegen den "Schnüffelstaat". Die Kundgebung verläuft zunächst friedlich. Max Frisch, gesundheitlich angeschlagen, lässt eine Rede vorlesen und entzieht dem Staat sein Vertrauen. Adolf Muschg spricht: "Die Fichenaffäre hat eine unerträgliche Demokratie-Verspätung aufgedeckt." Dann brennen Autos. Wasserwerfer fahren auf. Tränengas schmerzt in den Augen. Franz Hohler, erschüttert vom Gewaltausbruch des schwarzen Blocks, lässt sein Cello im Kasten.

Die Schweiz, die Pächterin der Freiheit und Erfinderin der Demokratie, der historische Sonderfall schlechthin: Der Glaube an diese Erzählung schwindet in diesen helvetischen Wendejahren – bis weit ins bürgerlich-konservative Lager hinein.

Im Frühling 1990 feiern die europäischen Länder das Ende des Zweiten Weltkriegs. Nur wenige Monate zuvor, im Sommer 1989, erinnert sich die Schweiz mit den sogenannten Diamantfeiern an die Mobilmachung und den Kriegsbeginn.

Doch dieser mythische Kern helvetischer Selbstbeschreibung, die tradierte "Wehrhaftigkeit", welche die Schweiz vor den Verwüstungen der beiden Weltkriege bewahrt haben soll, löst sich nach und nach auf.

Ende November 1989 stimmt ein Drittel der Schweizerinnen und Schweizer für die GSoA-Initiative und damit für die Abschaffung der Armee. Eine Ungeheuerlichkeit in einer Nation, die in ihrem Selbstverständnis keine Armee hatte, sondern eine war.

Als im Juni 1991 Hunderttausende Schweizerinnen und Ausländerinnen unter dem Motto "Wenn Frau will, steht alles still" die Straßen bevölkern, um den zehn Jahre zuvor in die Bundesverfassung geschriebenen Gleichstellungsartikel endlich durchzusetzen, scheinen die alten Kräfte endgültig nicht mehr Herr im Haus zu sein.

Armeeabschaffung, Fichendemo, Frauenstreik: Alle diese Ereignisse wenden sich gegen eine männerbündisch organisierte, konservative Schweiz, welche die Geschichte des Landes seit Jahrzehnten prägt.

Die Seilschaften der Mächtigen, in Studentenverbindungen geknüpft, in der Armee und im Vereinswesen kultiviert, im eidgenössischen Parlament, in staatlichen Institutionen und der Wirtschaft tagtäglich gelebt, stehen vor ihrer ultimativen Zerreißprobe.

Trotzdem, oder gerade deshalb, soll 1991 in einer opulent inszenierten Feier der 700. Geburtstag der Eidgenossenschaft begangen werden. Doch als die Fichenaffäre auffliegt, ist auch dem letzten Kulturschaffenden die Lust aufs Feiern vergangen. Sie boykottieren das Jubiläum. "Diese 700-jährige Schweiz ist die unsrige nicht", schreibt der linke Autor Fredi Lerch.

Die bürgerliche Schweiz steckt am Ende des Kalten Krieges in einer tiefen Sinnkrise. Kritik an der politischen Polizei, der Armee, den staatlich dekretierten Eidgenossen-Jubelfeiern und dann die Abertausenden Frauen, die zwar erst seit 1971 wählen und abstimmen dürfen, nun aber umso lauter auf ihren verfassungsmäßigen Rechten beharren: Wenn der Schweizer ein vorsintflutliches Wesen in ständiger Erwartung der Sintflut ist, wie Friedrich Dürrenmatt schreibt, dann droht das bürgerliche Machtzentrum gerade unterzugehen.

Mit der Großdemonstration vom 3. März 1990 gegen den "Schnüffelstaat", versichern sich die Schweizerinnen und Schweizer einander gegenseitig: Künftig verweigern wir uns der unkontrollierten staatlichen Sammelwut.