DIE ZEIT: Frau von Platen, Ursula von der Leyen hat die Geschlechtergerechtigkeit zu einem ihrer wichtigsten Themen als neue EU-Kommissionspräsidentin erklärt. Sie will bald ein Gesetz vorlegen, das für faire Löhne von Männern und Frauen sorgen soll. Kann das gelingen?

Henrike von Platen: In der EU bekommen Frauen für eine Arbeitsstunde im Schnitt 16 Prozent weniger Gehalt als Männer. Das ist nicht hinnehmbar. Deshalb begrüße ich es sehr, wenn Frau von der Leyen das Lohngefüge in Betrieben transparenter macht. Es ist sinnvoll und längst überfällig, das europaweit einheitlich zu regeln. Die Unternehmen, die das betrifft, arbeiten ja häufig über Landesgrenzen hinweg.

ZEIT: Über alle Branchen und Berufe hinweg verdienen Frauen in Deutschland im Schnitt sogar 21 Prozent weniger als Männer. Das hat das Statistische Bundesamt ermittelt. In Europa ist die Lücke nur in Tschechien und Estland noch größer. Woran liegt das?

Von Platen: Es ging uns in Deutschland lange Jahre sehr gut. Während des Wirtschaftswunders haben sich traditionelle Rollenerwartungen verfestigt. Viele Familien konnten es sich leisten, dass die Frau zu Hause bleibt. In Ländern mit hohen Durchschnittslöhnen ist die Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen größer als in einkommensschwachen Ländern. In der DDR etwa war die Lohnlücke seinerzeit viel kleiner als in der Bundesrepublik. Das lag auch daran, dass Frauen in der Regel berufstätig waren, häufig arbeiteten sie in Vollzeit. Bedauerlicherweise nähert sich der Gender-Pay-Gap im Osten Deutschlands inzwischen dem hohen Niveau im Westen an.

ZEIT: Dabei gibt es hierzulande längst ein Gesetz, das für gerechte Löhne zwischen den Geschlechtern sorgen soll. Seit zwei Jahren können Beschäftigte Auskunft darüber verlangen, was Kollegen in vergleichbaren Positionen verdienen. Die Lohnlücke ist seither aber kaum geschrumpft.

Von Platen: Das sogenannte Entgelttransparenzgesetz wurde, bevor es in Kraft trat, derart zerpflückt, dass am Ende ein schwacher Kompromiss herausgekommen ist. Ein Recht auf Auskunft gibt es überhaupt nur in Betrieben ab 200 Beschäftigten, von denen mindestens sechs in einer vergleichbaren Position arbeiten. Firmen, die Auskünfte verweigern oder falsche Informationen geben, droht weder ein Bußgeld noch eine Strafe. Die Verantwortung für gleiche Löhne wird nicht ihnen, sondern den Frauen zugeschoben. Die müssen, um zu beweisen, dass der Gehaltsunterschied mit ihrem Geschlecht zu tun hat, vor Gericht ziehen. Die Hemmschwelle, den eigenen Arbeitgeber zu verklagen, ist aber sehr hoch.

ZEIT: Das Gesetz wirkt auch deshalb nicht, weil bislang kaum jemand von seinem Anspruch Gebrauch gemacht hat. Fühlen sich Frauen gar nicht so ungerecht bezahlt?

Von Platen: Die Beschäftigten kennen das Gesetz und ihr Auskunftsrecht häufig gar nicht. Politik und Unternehmen müssten da viel mehr aufklären. Wenn eine Frau nicht weiß, dass ihr männlicher Kollege für die gleiche Arbeit mehr bekommt, hat sie auch keinen Anlass, unzufrieden zu sein.

ZEIT: Wie müsste eine Regelung aussehen, damit die Löhne von Männern und Frauen sich angleichen?

Von Platen: Die Unternehmen müssten verpflichtet und nicht wie bislang lediglich unverbindlich dazu aufgefordert werden, ihre Gehaltsstrukturen zu überprüfen und offenzulegen. Wer sich weigert, dem müssten Sanktionen drohen. Das Gesetz sollte außerdem für alle Firmen gelten, nicht nur für Unternehmen ab 200 Beschäftigten.

ZEIT: Laut eines von der Bundesregierung in Auftrag gegebenen Gutachtens vom Sommer 2019 bestreiten viele Unternehmen, dass es bei ihnen eine Lohnlücke zwischen männlichen und weiblichen Beschäftigten gibt. Andere geben an, sie seien an Tarifverträge gebunden, die nicht nach dem Geschlecht unterscheiden.

Von Platen: Die Firmen können das doch gar nicht wissen! Laut des Gutachtens haben noch nicht einmal die Hälfte der Unternehmen, die nach dem neuen Gesetz aufgefordert sind, ihre Entgeltstrukturen zu überprüfen, dies bereits getan. Jeder glaubt erst mal: "Bei mir gibt es keinen Gender-Pay-Gap. Das Problem haben andere." Überprüfen die Firmen ihre Gehälter dann, entdecken sie meist doch eine Lücke zwischen den Geschlechtern. Irgendwo müssen die 21 Prozent Lohnunterschied ja herkommen.