Wann ist aus dem politischen Autor J. M. Coetzee eigentlich ein theologischer geworden? Von seinem Erstling Dusklands (1974) bis zu seinem bekanntesten und besten Roman Schande (2000) stand – bei allen allegorischen Untertönen – die Auseinandersetzung mit dem Erbe des westlichen Kolonialismus im Zentrum seiner Bücher. Dann starb Coetzee und kehrte in den letzten zehn Jahren mit der Trilogie seiner Jesus-Romane zurück, Die Kindheit Jesu (2013), Die Schulzeit Jesu (2018) und nun, rechtzeitig zu Coetzees 80. Geburtstag am 9. Februar, Der Tod Jesu. Streng genommen ist Coetzee natürlich nicht gestorben, er hat sich nur in Sommer des Lebens (2010), dem dritten Band seiner Autobiografie, selbst sterben lassen. In diesem durch seine Offenheit und seine metafiktionalen Loopings wahrhaft erstaunlichen Buch führt ein Biograf fünf Recherche-Interviews zum Leben eines kürzlich verstorbenen J. M. Coetzee.

Nach dem Tod geht es bekanntlich im Jenseits weiter, in dem nach einem schönen theologischen Wort alles totaliter aliter, ganz und gar anders, ist. Ganz anders ist nicht nur die Thematik Coetzees in seinen Jesus-Romanen, ganz anders sind auch, etwas geschwollen gesagt, die ontologischen Bedingungen, unter denen David, Simón und Inés, die Hauptfiguren der Jesus-Romane, zu leben haben. Wie die Gestalten der griechischen Mythologie den Totenfluss Styx zu überqueren hatten, um ins Jenseits zu gelangen, so sind sie durch eine deutlich metaphysische Ozeanreise in ihr neues, jenseitiges Leben gelangt. "Wenn man mit einem Schiff übers Meer fährt", sagt Simón einmal zu seinem angenommenen Sohn David, "werden alle Erinnerungen weggewaschen, und man fängt ein völlig neues Leben an." Tatsächlich sind die Helden der Jesus-Romane wie die Menschen in der gnostischen Theologie Fremde in ihrem eigenen Leben. Sie wissen nicht, wer sie sind und woher sie kommen, nicht einmal an ihre Muttersprache können sie sich erinnern. Sie sprechen ein eher bescheidenes Spanisch, das man, wer immer das auch sei, ihnen in den Ankunftscamps beigebracht hat.

Sollen wir sie uns als Migranten denken? Als Fremde, die in die Obhut eines zugleich gütigen und repressiven anonymen Wohlfahrtsstaates geraten sind? Coetzee hat seinen Roman mit allerhand Einzelheiten ausgestattet – Romane müssen ja schließlich Einzelheiten haben! –, die eine Lektüre in diese Richtung möglich machen. David und seine Familie leben in einer kargen Welt mit Autos, aber ohne Handys. Doch in Wahrheit interessiert sich niemand, der die Jesus-Romane liest, für etwas anderes als für David, der im ersten Band fünf, im zweiten sieben und im dritten zehn Jahre alt ist.

David ist der Jesus und der Messias dieser Romane. Auch wenn der Name Jesus nur im Titel steht und im Roman nie genannt wird, ist David doch offenkundig als Jesus-Figur angelegt. Er ist zwar nicht das Kind Gottes. Aber in ihm ist etwas Göttliches. Er ist in dieser neuen, eindimensionalen Welt, in der die Menschen sich noch nicht einmal an ihren richtigen Namen erinnern können, der Einzige, der in Kontakt zu etwas anderem steht – ob es ein Früheres, Künftiges oder einfach Höheres ist, wird in den philosophischen Dialogen zwischen David und seinem Pflegevater Simón durch alle drei Bände hindurch erörtert; Simón sind immerhin noch die Sehnsucht nach Schönheit und die Erinnerung an eine Erinnerung geblieben.

Christlich wird man die innere Stimme, die der wunderkindhafte, widerborstige David vernimmt, nicht nennen wollen. Zwar hat Coetzee ihm im ersten Band abgewandelte Worte aus dem apokryphen Thomas-Evangelium in den Mund gelegt, und im dritten Band bettet er ihn in eine Szene, die direkt Jesaja 11,6 nachgebildet ist. "Und der Wolf wird beim Lamm weilen (...), und ein junger Knabe (eine Präfiguration Jesu, Anm. d. Red.) leitet sie", heißt es in der Bibel. Im Roman bringt man ein Lamm zu dem jungen Knaben David und seinem scharfen Hund Bolívar, einem "Cousin des Wolfes", und der Junge kann sie versöhnen (als David einschläft, frisst der Hund allerdings das Lamm, seinerseits ein klassisches Symbol Jesu). Bei Jesaja ist an besagter Stelle auch eine messianische sozialrevolutionäre Bewegung vorgeformt – "den Machtlosen wird er Recht verschaffen in Gerechtigkeit, und für die Elenden im Land wird er einstehen in Geradheit". Just auf diese Weise legen im dritten Band junge rebellische Nachfolger Davids dessen Botschaft aus.