Herzlich allein – Seite 1

Katharina, die Herzliche. So wirkt sie auf Beobachter, und so wird sie beschrieben. In Sitzungen, heißt es, bemühe sich Katharina Fegebank um Harmonie, nie werde sie laut. Sie doziere selten, sondern frage: Wie sehen Sie das denn? Auf der Straße wird sie von fremden Frauen umarmt, sie wünschen ihr Glück. Katharina Fegebank ist seit fast fünf Jahren Zweite Bürgermeisterin in Hamburg, und ihre Beliebtheit rührte eigentlich daher, dass sie mit allen gut auskommen konnte, so glaubte es Fegebank selbst. Doch jetzt, im Wahlkampf um Hamburgs Rathaus, macht die 42-Jährige plötzlich die Erfahrung, es niemandem mehr recht machen zu können.

Dass Fegebank am 23. Februar Erste Bürgermeisterin werden könnte, als erste grüne Frau an der Spitze des Stadtstaats (nach 199 oft sozialdemokratischen Männern), ist durchaus realistisch. Die Grünen könnten bei der Bürgerschaftswahl ihr Ergebnis von 2015 mehr als verdoppeln: Mit zuletzt zwischen 27 und 29 Prozentpunkten liegen sie in den Umfragen fast gleichauf mit der SPD, die aktuell den Regierungschef stellt.

Doch je näher Fegebanks Sieg rückt, desto stärker wird sie mit Widersprüchen konfrontiert. Die Kritik kommt von Klimaschützern ebenso wie vom Besitzbürgertum, und alle Ansprüche auf einmal lassen sich kaum erfüllen. Es ist das Dilemma, vor dem die Grünen immer stehen, wenn sie nicht bloß Oppositionspolitik für die eigene Klientel betreiben, sondern an der Spitze regieren sollen. Vielen Progressiven erscheint Fegebank nicht radikal genug. Für viele Konservative aber ist sie genau das Gegenteil: zu radikal.

Kaufleute, Reeder, Unternehmer: Auch dieses Publikum muss Fegebank erreichen, wenn sie Hamburg führen möchte. Vergangene Woche versuchte sie es auf einer Abendveranstaltung im Sternerestaurant Jacobs an der Elbchaussee, einem Ort des gediegenen Bürgertums. Eingeladen hatte der Rotary Club Hamburg-Elbe. Mehr als 100 Zuhörer waren gekommen, einflussreiche Bürger, wirtschaftlich erfolgreich und so gut vernetzt, dass sich gegen ihre Interessen kaum regieren lässt. Für Fegebank war es kein Heimspiel. Die Fragen seien "echt gepfeffert" gewesen, sagte sie hinterher, "in vielen kam der klassische Anti-Grünen-Reflex durch", was mehrere Teilnehmer bestätigten.

Dass die Grünen in der Atomenergie keine Alternative zur Kohle sehen, dass sie Gegner des Verbrennungsmotors sind, lässt die Elbchaussee-Klientel von vornherein skeptisch auf die Partei blicken. Und so vermissten viele der Rotarier bei Fegebank und ihren Grünen denn auch die Wertschätzung. Für den Diesel. Für die Möglichkeiten der Atomkraft. Für den Hafen. Für die Wirtschaft insgesamt. Wenn Fegebank sprach, schüttelten manche immer wieder den Kopf. Sie habe ausschweifend geantwortet, hieß es später. Die genervten Rotarier erreichte Fegebank jedenfalls nicht. Zu tief saßen bei manchen die Zweifel an einer Partei, die den Bau einer Autobahnverbindung im Hafen infrage stellt und zugleich die Autos aus der Innenstadt verdrängen will.

"Diese Leute muss man im konkreten Tun überzeugen", sagt Fegebank ein paar Tage später, "das geht nicht von jetzt auf gleich." Trotzdem schmerzen sie solche Abende, weil sie sich selbst "als Brückenbauerin" sieht und glaubte, Brücken von ihrer Partei auch in diesen Teil der Hamburger Gesellschaft schlagen zu können. Es ist die große Frage, vor der die Grünen stehen, nicht nur in Hamburg: Schaffen sie es, Wirtschaft und Ökologie zu verbinden, Unternehmer und Aktivisten? Fegebank glaubt, es zu können, weil sie wie nur wenige Grüne konservativ und progressiv zugleich sei. "Ich vereine von beidem eine Menge in mir, was mich auch manchmal fragend und konfliktbeladen zurücklässt."

Verantwortlich dafür sei ihre Familie, sagt Fegebank. Beide Eltern waren Lehrer, die Mutter "eher freigeistig und sehr progressiv", der Vater "extrem konservativ". Am Abendbrottisch diskutierten sie oft über Politik, die linke Katharina und ihr preußisch disziplinierter Vater, der in 40 Jahren am Gymnasium nur einmal wegen Krankheit fehlte. "Er hat mich an die Wand geredet und sich immer einen Spaß daraus gemacht, mich mit seinen politischen Kenntnissen bis zur Weißglut zu bringen", sagt Katharina Fegebank, "das hat mich tierisch geärgert." Sogar Tränen seien manchmal geflossen. Er leitete ihr zum Beispiel her, warum es gut sei, dass es die Bundeswehr gibt. Und weckte in der Jugendlichen das Verständnis für die andere Seite, die Konservativen. "Da habe ich die Haltung gewonnen, dass ich gerne Meinungen und Stimmungen zusammenführe und nicht so die Haudruffski bin", sagt sie heute. "Ich wollte, dass wir am Ende irgendetwas finden, was uns wieder verbindet."

Für die heutige Bürgermeister-Kandidatin heißt das: Natürlich will sie Hamburg umkrempeln, eine "echte Verkehrswende" schaffen. Aber sie versteht auch, warum Teile des Bürgertums sich von der Aussicht auf eine "autofreie Innenstadt" provoziert fühlen. Deshalb haben die Grünen in ihrem 17-seitigen Konzeptpapier erst mal eine "autoarme" Innenstadt entworfen, bei der nur wenige Straßen für Kraftfahrzeuge gesperrt werden sollen. Den Vorstoß einer Volksinitiative, die gesamte City binnen eines Jahres autofrei zu machen, nannte Fegebank vor wenigen Tagen "irre".

Radikal zu sein ist nicht ihr Ding

Ihr Problem ist nur: Mit jedem Meter, den sie auf die konservative Bürgerschaft der Stadt zugeht, verliert sie auf der anderen Seite an Zuspruch – bei den Tausenden klimabewegten Jugendlichen, die für den Freitag vor der Wahl wieder zu einer großen Demonstration aufgerufen haben. Die versöhnliche Katharina ist für sie viel zu wenig radikal.

So sagt zum Beispiel Jesko Hennig, der Sprecher von Fridays for Future in Hamburg: "Katharina Fegebank kennt unsere Forderungen und weiß daher ganz genau, dass wir mit ihrer Politik nicht zufrieden sein können." Die Forderungsliste umfasst drei Seiten. Zum Beispiel soll die Zahl der Flüge in Hamburg reduziert werden, ab sofort. Und die Innenstadt soll autofrei werden – nicht bloß "autoarm".

Diese Jugendlichen strömen zu den Grünen und machen Druck. In den vergangenen drei Jahren hat sich die Mitgliederzahl des Hamburger Landesverbands mehr als verdoppelt, auf 3300. Hunderte Ungeduldige kamen allein im vergangenen Jahr dazu, sie wollen Veränderung, am besten jetzt. Und keine Kompromisse mit den Gutbetuchten von der Elbchaussee.

Ihre politische Macht hat die junge Generation erstmals im vergangenen Mai gezeigt. Bei der Europawahl wählte sie die Grünen zur stärksten Partei in Hamburg. Bei der Bezirkswahl am selben Tag verlor die SPD vier der sieben Stadtbezirke an die Grünen. Diesen Sieg hatte die Partei den jungen Wählern zu verdanken. Auch jetzt liegen die Grünen in Umfragen bei den jungen Wahlberechtigten klar vorn. Unter Wählern, die 45 Jahre und älter sind, hingegen ist die Zustimmung deutlich geringer; diese Altersgruppe bevorzugt die SPD.

Doch was ihre Partei groß und Katharina Fegebank zur ernsthaften Bürgermeister-Kandidatin macht, bringt sie zugleich in die Defensive. Ein Sonntagabend im Januar, mehr als 400 Zuschauer verfolgen im größten Hörsaal der Bucerius Law School das erste in einer ganzen Reihe von Wahlduellen. Zum ersten Mal treffen Fegebank und Amtsinhaber Peter Tschentscher (SPD) öffentlich aufeinander. Seit fünf Jahren regieren sie gemeinsam, nun streiten sie ausgiebig über eine autofreie City. Tschentscher warnt vor grünen Schnellschüssen und bekommt immer wieder Applaus. Da meldet sich ein junger Mann aus dem Publikum. Er stellt sich als Mitstreiter von Fridays for Future vor und will von Fegebank wissen, ob sie ihm hier und jetzt "garantieren" könne, was im grünen Wahlprogramm steht: dass Hamburg schon bis zum Jahr 2035 klimaneutral werden soll.

"Wir werden kämpfen wie die Löwen", antwortet Fegebank, "wir werden unsere Vorstellungen natürlich auf den Tisch legen bei Koalitionsverhandlungen." Wenn die Grünen dabeisäßen, werde das sicher ein Topthema werden. Aber die konkrete Jahreszahl 2035 zu versprechen? "Das wäre unlauter." Hinterher sagt der junge Mann, Fegebanks Antwort sei natürlich enttäuschend gewesen.

Nun gibt es bei den Hamburger Grünen durchaus Politiker, die sehr handfeste Vorstellungen davon haben, wie sie die Stadt ökologisch umbauen möchten. Einer hat in seinem Büro einen großen Plan der inneren Stadt hängen. Mit Stiften skizziert er darauf schon einmal, auf welchen Straßen man den Autoverkehr zusätzlich reduzieren könnte. Doch er weiß, dass er manche Ideen besser für sich behält, um die Grünen nicht noch mehr zur Zielscheibe zu machen.

Vor wenigen Tagen musste Fegebank bereits eine Forderung öffentlich einkassieren. Die Grünen wollten die Vermummung bei Demonstrationen nicht länger als Straftat einstufen, sondern nur noch als Ordnungswidrigkeit. Das sollte der Polizei mehr Entscheidungsfreiheit geben, doch dummerweise hatten sie vergessen, die Polizei zu fragen, ob sie das überhaupt wolle. Peter Tschentscher gab sich konsterniert, sein Büroleiter twitterte #grünistgewaltbereit. Das Thema drohte den Wahlkampf zu überschatten, also räumte Fegebank die Idee öffentlich ab. Sie werde das nicht "mit der Brechstange an den Beamtinnen und Beamten der Polizei vorbei" durchsetzen, sagte Fegebank der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Wie sie in solchen Fragen entscheidet? "Mit meinem Bauchgefühl."

Seither wird sie von ihren Gegnern erst recht als wankelmütig dargestellt. Fegebank sei ein "politisches Soufflee", urteilt ein einflussreicher Sozialdemokrat. Sie sei zwar eine Menschenfängerin, aber sie kenne sich in vielen Themen nicht wirklich gut aus. Und immer wenn es wichtig werde, müsse die SPD im Senat dafür sorgen, dass die Dinge in die vernünftige Richtung laufen. Die Strategie ist klar: Man will das Unbehagen im Bürgertum der Stadt schüren.

Ihr Vater weckte in Fegebank Verständnis für die Konservativen

Es sei spürbar, dass die konservativen Kräfte in Hamburg gegen die Grünen mobilisierten, sagt Fegebank. "Das schmerzt mich, weil ich viele Gedanken investiert habe, um das ein bisschen aufzuknacken – manchmal auch zum Leidwesen meiner eigenen Partei, die weiß, dass ich ein bisschen konservativer bin." Radikal zu sein ist nicht ihr Ding. Als Wissenschaftssenatorin beendete sie den Kleinkrieg zwischen ihrer SPD-Vorgängerin und dem Universitätspräsidenten, holte Tipps des Wissenschaftsrats ein und setzte sie um. Mit der Folge, dass die Hamburger Uni sich seit dem Sommer "Exzellenzuniversität" nennen darf.

Das Wesen einer Volkspartei ist es, verschiedene, auch scheinbar unversöhnliche Milieus und Standpunkte zusammenzubringen. In Hamburg muss Katharina Fegebank nun zeigen, ob ihr das gelingt. Wie damals, am Abendbrottisch mit ihrem Vater.