Die katholische Kirche im Jahr sieben des Pontifikats von Papst Franziskus gleicht der DDR im September 1989: Eine Veränderung von oben erscheint als immer entferntere Möglichkeit, während ein Systembruch nicht mehr auszuschließen ist.

Das bizarre Doppelpapst-Spektakel von Rom – mit einem Papst vom Ende der Welt und einem Gegenpapst aus dem Herzen des altbayerischen Europa – ist dabei bloß ein Oberflächengekräusel, gut für Netflix, schlecht für die Kurie. Der eigentliche Schauplatz des Kampfs um Rom ist Deutschland. In den 27 deutschen Diözesen entscheidet sich, ob eine der immer noch reichsten Kirchenprovinzen der Welt trotz einer langen und gloriosen theologischen Tradition zerfällt. Deshalb schauen von Polen bis zu den USA Katholiken weltweit auf den Veränderungsprozess – die Kirche hier macht ihn stellvertretend durch. Doch was in der Öffentlichkeit wie eine Lagerkontroverse alten Stils zwischen liberalen Erneuerern und konservativen Beharrern erscheinen mag, ist eine viel ernstere Krise neuen Ausmaßes.

Nicht eine einzelne Kirchenspaltung droht in Deutschland, es ist vielmehr ein multiples Schisma – und es ist bereits in vollem Gange. Die Risse sind allenthalben sichtbar, zwischen oben und unten, Männern und Frauen, Laien und Bischöfen, Franziskus-Priestern und Benedikt-Pfarrern, Rom-Anhängern und Rom-Lossagern, Schon-Ausgetretenen und Noch-nicht-Ausgetretenen, Resignations-Batallionen und Rest-Hoffnungs-Mobilisierten. Ihre gesammelten Fliehkräfte lassen die eine Kirche zerfallen, die stets ihre Einheit über alles gestellt hat.

Der Synodale Weg, den die Deutsche Bischofskonferenz und die Laien-Repräsentanz Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) nun gestartet haben, ist der Versuch, zu retten, was fast nicht mehr zu retten ist. Damit ist es ein Unterfangen, so kühn und schier aussichtslos, wie es ehrenwert ist. Und der Reformprozess heute erinnert an den Wunsch reformorientierter SEDler wie wackerer Bürgerrechtler im Wendeherbst 89, eine friedliche Revolution im eigenen Land zu eigenen Konditionen zu bewerkstelligen. Stattdessen erlebten beide Seiten nach dem Mauerfall den Total-Bankrott eines überholten Systems, das durch ein diametral anderes ersetzt wurde.

Die Kirche heute gleicht der DDR im September 89? Ist die Parallele nicht zu weit hergeholt? Der Vergleich hinkt wie alle historischen Vergleiche, doch es gibt bedenkenswerte Gemeinsamkeiten der Entwicklung.

Zunächst stechen die Unterschiede ins Auge: Die DDR war eine kirchenfeindliche Diktatur mit sozialistischem Anstrich, bereit zur Verfolgung ihrer Gegner bis ins Gefängnis, manchmal bis in den Tod, im Mauerstreifen oder im Stasi-Knast. Dass die Kirche Menschen dem Scheiterhaufen überantworten konnte, dass sie indigene Völker unterjocht hat, dass sie Kritiker an den Pranger stellte – diese Zeiten sind nun wahrlich lange her und vom Vatikan abwärts will heutzutage keiner, wirklich keiner ihrer Köpfe mehr Herrschaft mit Gewalt ausüben. Und alle klugen Kardinäle & Co eint die Einsicht, wie befreiend es auch für die Kirche selber ist, dass sie von ihrer Macht über die Welt gelassen hat.

Man kann darum über die Kirche von heute mit Achtung, sogar mit Anerkennung sprechen, selbst wenn man ihr nicht angehört. Doch was alle Schönheit des Glaubens, alle Hingabe vieler Priester und alle Anhänglichkeit der meisten Gläubigen an ihre Kirche nicht länger verdecken können, ist der erschütternde Grad an innerer Zerrüttung, der diese oft großartige, in jedem Fall aber einzigartige Institution inzwischen kennzeichnet.

Hier kommen tatsächlich Parallelen zwischen zwei Systemen zum Vorschein, so verschieden sie sind: Wie die katholische Kirche stützte sich die DDR auf eine starre Doktrin, eine Nomenklatur aus Kadern mit absolutem Deutungs- und Herrschaftsanspruch und eine hartnäckige Verweigerung der Anerkennung abweichender Wirklichkeitswahrnehmungen selbst ihrer eigenen Anhänger und Unterstützer. Und ist es so weit hergeholt zu konstatieren: Dem SED-Staat reichte es nie, bloß Staat zu sein, er war ein Ideologie-Projekt, eine Kirche des Kommunismus.

Entscheidend für das Verständnis des aktuellen Zustands der Kirche ist aber vor allem die Parallele im Niedergang zum sozialistischen Block Ende der Achtzigerjahre. Warum war die DDR damals zu erschüttern, obwohl kaum ein Experte jener Zeit einen derart raschen Zusammenbruch des doktrinären Sozialismus für denkbar gehalten hätte?

Die Demonstranten von Leipzig bis Berlin, von Rudolstadt bis Greifswald waren so wirkungsvoll, weil sie auf einen innerlich ausgehöhlten Staat stießen: ein Dogma, das keinen Bezug mehr zur Wirklichkeit hatte; Kader, die ihrer eigenen Führung nicht länger trauten; und eine Struktur, die Reformen von innen her unmöglich machte. An der Kirche ist es nun, unter Beweis zu stellen, dass sie besser dasteht.