DIE ZEIT: Die große Koalition möchte noch in dieser Legislaturperiode die Kinderrechte im Grundgesetz verankern. Warum ist das nötig?

Claudia Kittel: Es ist wichtig, dass die Kinder explizit als eigenständige Persönlichkeiten mit ihren Rechten im Grundgesetz stehen. Dann müssen alle staatlichen Stellen die Interessen und Bedürfnisse von Kindern berücksichtigen.

ZEIT: Was bringt Kindern das denn?

Kittel: Im Moment ist es doch so: Wenn es um ihre Belange geht, fällen Erwachsene in der Regel die Entscheidungen. Die Perspektive der Kinder bleibt zu oft außen vor.

ZEIT: Kinder werden also in Zukunft gefragt, bevor eine Gemeinde entscheidet, auf ihrem Fußballplatz Reihenhäuser zu bauen?

Kittel: Sie dürfen zumindest nicht länger ohne Folgen bei der Abwägung einer staatlichen Entscheidung ignoriert werden.

ZEIT:Ein erster Entwurf von Justizministerin Christine Lambrecht sorgt bereits für Zwist. Umstritten sind die Formulierungen zum Kindeswohl und zu den Beteiligungsrechten von Kindern.

Kittel: Im Entwurf heißt es, dass das "Wohl des Kindes bei allem staatlichen Handeln, das es unmittelbar in seinen Rechten betrifft, angemessen zu berücksichtigen" ist und dass jedes Kind bei staatlichen Entscheidungen Anspruch auf "rechtliches Gehör" hat.

ZEIT: Ein Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags kam gerade zu dem Schluss, dass dieser Vorschlag kein Fortschritt sei, sondern sogar hinter der UN-Kinderrechtskonvention und damit geltendem Recht zurückbleibe. Stimmt das?

Kittel: Absolut. Dieser Entwurf ist kein Mittel, um Kinderrechte in unserer Gesellschaft besser durchzusetzen. Dafür braucht es viel mehr Mut. Die Konvention fordert, dass Kinder nicht nur in gerichtlichen Verfahren Gehör finden müssen, sondern in allen sie betreffenden Angelegenheiten. Und es ist überhaupt nicht zu verstehen, warum das im Entwurf eingeschränkt wurde. Eine Verfassungsänderung würde jegliches Ziel verfehlen, wenn sie hinter den Grundprinzipien der Konvention zurückbliebe.

ZEIT: Welche sind das?

Kittel: Die Grundprinzipien der Konvention sind das Gebot der Nichtdiskriminierung, das Recht auf Leben und Entwicklung sowie – und das sind die empfindlichen Stellen – die vorrangige Berücksichtigung des Kindeswohls und das Recht auf Beteiligung. Dann muss auch das Kindeswohl in allen Entscheidungen vorrangig berücksichtigt werden und nicht wie im Entwurf vorgesehen lediglich "angemessen". Das hätte massive Auswirkungen auf gängige Prozedere und würde manche Entscheidung anders ausgehen lassen.

ZEIT: Haben Erwachsene Angst, dass sie zu kurz kommen, weil die Kinder dann bevorzugt werden?

Kittel: Es gibt da ein Missverständnis. Viele Erwachsene glauben, dass nach einer Grundgesetzänderung die Meinungen von Kindern vorrangig gegenüber allen anderen Beweggründen, die auf eine staatliche Entscheidung Einfluss haben, zu berücksichtigen seien. So ist es nicht gemeint. Die Interessen der Kinder sollen behandelt werden wie alle anderen Interessen auch.

ZEIT: Warum kann man sich dann trotzdem nicht darauf einigen, Kindern mehr Rechte zu geben?

Kittel: Das Zögern und Zaudern der Koalition zeigt für mich, dass es einigen in unserer Gesellschaft offensichtlich gar nicht so ernst damit ist, dass Kinder und Jugendliche wirklich mitreden. Warum sonst akzeptieren wir, dass ihre Stimmen bei vielen Entscheidungen mit großer Selbstverständlichkeit außen vor bleiben? Es geht auch um die Machtfrage: Wer darf hier mitbestimmen?