Einmal angenommen, Jeanine Cummins’ Roman American Dirt wäre vor zwanzig Jahren erschienen. Wie heute hätte ihr Verlag die Bestsellermaschine in Gang gesetzt und das Buch mit den üblichen Phrasen in den Markt gedrückt: "Dramatik und Menschlichkeit auf jeder Seite!" Die New York Times hätte damals wie heute die Nase gerümpft und dem Roman vorgeworfen, dass der Leser ihn "ohne Angst vor unangenehmen Selbstvorwürfen" konsumieren könne. Gut gemeint, schlecht gemacht. Schwamm drüber.

Doch einen Vorwurf hätte man damals garantiert nicht gehört: dass Jeanine Cummins als weiße Amerikanerin gar nicht befugt sei, einen Roman über eine flüchtende Mexikanerin zu schreiben und sich narrativ in ein fremdes ethnisches Schicksal einzuschleichen. Nur mexikanische Migranten, hieße dies, dürfen über Mexikaner schreiben, mehr noch: Nur sie können das überhaupt.

Warum das ein fatales Argument ist? Weil es, pathetisch gesagt, die humane Substanz des Universalismus angreift, also die einzigartige menschliche Gabe, sich, wie unzulänglich auch immer, in fremde Schicksale einfühlen zu können – in Unrecht, das man nicht selbst erleben, in Grausamkeit, die man nicht am eigenen Leib erfahren musste. Wenn es nur den Mitgliedern einer ethnischen Opfergruppe gestattet sein soll, von ihrem Schmerz zu sprechen, dann ist das nicht bloß ein Empathieverbot für "Kulturfremde", sondern schlimmer: Es ist die Absage an jede Form sprachlicher Verständigung. Es gibt dann keine Solidarität unter Fremden, nicht einmal eine in der Erinnerung – alles wäre spätkoloniale "Aneignung". Quentin Tarantino dürfte keinen Film über Verbrechen an den Schwarzen drehen, und weiße amerikanische Upperclass-Eltern wären als Mitglieder der "Dominanzkultur" unfähig, sich vorzustellen, was mexikanische Eltern empfinden, wenn US-Grenzschützer ihnen die Kinder entreißen und sie in Lager sperren.

Die Gesellschaft, die diesen Vorstellungen entspricht, wäre eine Gesellschaft ohne Gesellschaftlichkeit, eine Ansammlung aus isolierten Identitätsbesitzern, die in ihren gated communities und in spektakulärer Sprachlosigkeit aneinander vorbeilebten. Gemeinsam wäre ihnen nur, dass ihnen nichts gemeinsam ist, nicht einmal die Vorstellung eines gemeinsamen Menschseins. Ein jeder wäre der Eingeborene einer Gefühlskultur, die in Erwartung ihrer jederzeitigen Kränkbarkeit eifersüchtig bewacht und unter Naturschutz gestellt wird. Es ist nicht leicht, dieses Denken vom Essentialismus rechter Ideologen zu unterscheiden – von der Vorstellung, die Welt bestehe aus homogenen, von unüberwindlichen Mauern umgebenen "Kulturkreisen".

Gerechterweise muss man sagen, dass der Streit um kulturelle Aneignung auch darum so unversöhnlich geführt wird, weil Literatur und Kunst zum Schauplatz politischer Wutablenkung geworden sind. Ohne Trumps rassistische Ausfälle gegen Latinos wäre der Streit um American Dirt vermutlich nicht eskaliert, und so lautet nun die Gegenreaktion: Alles kann man uns nehmen, nur nicht die Würde der Erinnerung. Sie gehört uns allein. Und wenn Jeanine Cummins unter der Maske der Humanität über uns Latinos schreibt, dann wiederholt sie nur den untilgbaren Makel der weißen Zivilisation – die Ausbeutung fremder Kulturen zum Zweck des Profits.

Warum Antworten dieser Art dennoch ein Irrweg sind, hat der Philosoph Richard Rorty hellsichtig schon Ende der Neunzigerjahre beschrieben: "Der Stolz darauf, schwarz zu sein, ist eine völlig vernünftige Reaktion auf sadistische Erniedrigung." Doch wenn es das Opfer daran hindere, zusammen mit Weißen soziale Reformen in Angriff zu nehmen, sei es ein "politisches Unglück". Und warum? Weil den herrschenden Eliten nichts Besseres passieren könne als die Kulturalisierung sozialer Konflikte. Sie blieben unbehelligt, wenn sich die Gesellschaft im Streit um "kulturelle Stigmata" und "Pseudoereignisse" zerfleische und dabei den Kampf für soziale Rechte links liegen lasse. Oder wie man heute sagen würde: wenn die mexikanische Uber-Fahrerin und der weiße Rust-Belt-Arbeiter vergessen, dass sie beim Kampf gegen ökonomische Ungleichheit Verbündete sind.

Rorty träumte davon, den Kampf um Anerkennung zu überwinden und das Gemeinsame wiederzuentdecken. Er träumte von einem politischen Projekt, in dem sich die Bürger wiedererkennen und das "die Nation voranbringt". In diesem New Deal sollten kulturelle Identitäten nicht verschwinden, sie sollten verwandelt und entschärft werden. Rortys Projekt hat nichts von seiner Dringlichkeit verloren und treibt den Rechten immer noch den Schweiß auf die Stirn. Steve Bannon zum Beispiel, Trumps ehemaliger Chefstratege, kann von Identitätspolitik "nicht genug bekommen". Inständig wünscht er sich, die Linke möge weiterhin "jeden Tag über Rassismus sprechen. Wenn die Linke sich auf die Themen Rasse und Identität konzentriert, können wir sie zermalmen."