40 Jahre Deutscher Literaturfonds waren zu feiern, Gastgeber war das Deutsche Literaturinstitut Leipzig, also gab es letzte Woche eine Tagung zu ungefähr allen Aspekten des Schreibens. Während es insgesamt eher leidenschaftslos zuging, war bei dem Panel, das sich der Frage nach der politischen Korrektheit widmete, plötzlich richtig was los.

Der Moderator Thomas Böhm zitierte die Soziologin Eva Illouz, wonach P.C. eine Medizin sei, deren schlimme Nebenwirkungen immer noch besser seien als die Krankheit. Darauf wollten die Diskutanten sich nicht einlassen. Die Verlegerin Antje Kunstmann räumte zwar ein, dass sie heute über den Titel von Axel Hackes Buch Der weiße Neger Wumbaba anders denke als vor zwanzig Jahren, den Titel jedoch für rassistisch zu halten sei abwegig. Da war im Publikum bereits ein Grollen zu spüren, denn indem Kunstmann den Titel nannte, sprach sie ja das N-Wort immer schon aus, was aus P.C.-Perspektive einem Akt maximalen Verletzungswillens gleichkommt.

Für die Schriftstellerin Tina Uebel ist das Konzept des "Deplatforming" (also Rechten auf keinen Fall eine Bühne zu geben) nur ein anderes Wort für Diskussionsverweigerung: Man wolle eine homogene Welt, in der alle der gleichen Meinung seien. Und weil auch die Literaturkritikerin Mara Delius und der Münchner Buchhändler Michael Lemling im P.C.-Regiment eine Form intellektuellen Konformismus sahen, schien die P.C.-Kritik plötzlich in der Mehrheitsposition zu sein.

Doch nicht lange. Während der Moderator noch die Homepage einer Agentur für Sensitivity Reading vorlas, zu deren Service es gehört, Texte auf Mikroaggressionen zu prüfen und Autoren zu beraten, wie sie in ihren Texten auf nicht verletzende Art Figuren schildern, die einem marginalisierten Personenkreis angehören (klingt wie eine Satire, ist aber ernst gemeint), war atmosphärisch ein Schmunzeln im Publikum zu spüren. Da stand eine junge Studentin des Leipziger Literaturinstituts, die dort das Schreibhandwerk lernt, auf und sagte mit ruhiger, gleichwohl dringlicher Stimme: "Ich bitte Sie, nicht zu lachen! Dieses Thema ist zu ernst!"

Im Tonfall aufrichtiger Verzweiflung wandte sich eine andere Studentin an Antje Kunstmann: "Sie dürfen das ja alles sagen, Sie gebrauchen ja die ganze Zeit diese Wörter, ohne dass es jemand verbietet!" Obwohl selbst weiß, hatten die Studenten kein Problem damit, im Namen der Marginalisierten zu sprechen, als wären alle Minderheiten ein einstimmiges Kollektiv, dessen Vollmacht sie besaßen. Mittlerweile rang eine Studentin bereits mit den Tränen, weil sie es als so kränkend empfand, dass sich das Publikum angeblich lustig darüber mache, "dass wir gendern".

Wer den Begriff "Generation Schneeflocke" bisher nur aus der Zeitung kannte, bekam hier Soziologie zum Anfassen: ein neuer politisch-kultureller Sozialtypus in herrlicher Aktion. Politische Korrektheit sei ein Kampfbegriff von rechts, hieß es, sie gebe es gar nicht. Stimmt. Aber wenn eine Studentengeneration ins Schluchzen verfällt, ist das zwar kein Verbot, jedoch es weht ein Hauch moralischer Erpressung. Diese jungen Frauen werden die Schriftstellerinnen von morgen sein. Man darf gespannt sein, ob ihre Sensibilität die Ausdrucksnuancen ihrer Literatur erweitern oder einschränken wird.