Die ersten acht Töne bringt jeder einigermaßen hin. Dann aber, bei Tochter aus Elysium, trennt sich die Spreu vom Weizen. Aus dem Mund talentfreier, dafür enthusiastischer Badewannensänger erklingt ein Brummen, das Beethoven nicht gemeint haben kann.

Dass es in der Musik darum geht, den richtigen Ton zu treffen, ist eine Binsenweisheit. Nur: Was der richtige Ton ist, das lässt sich objektivieren. In der Literatur ist die Sache schwieriger, obwohl ihr Ton viel aussagt. Er ist das Erste, was den Leser erreicht. Er stimmt ihn buchstäblich auf die Atmosphäre eines Buches, auf Erfahrungen und Denken des Autors ein. Dafür genügen ein paar Absätze. Aber wie sie klingen und wie sich der Klang verstehen lässt, das ist doch recht subjektiv, weshalb der Ton von Romanen, Erzählungen oder Essays von der Literaturkritik immer etwas stiefmütterlich behandelt wird. Sie hat sich auf ein paar Kategorien geeinigt. Eine davon ist lakonisch. Vom lakonischen Ton ist immer dann die Rede, wenn der Text mit Wörtern sparsam umgeht. Das trifft zum Beispiel auf Daniel Kehlmanns Die Vermessung der Welt ebenso zu wie auf Die Jahre von Annie Ernaux. Poetologisch sind das aber zwei ziemlich verschiedene Bücher. Die Gegenkategorie zum Lakonischen ist das Pathetische. Ebenfalls ein Begriff, durch dessen Toreinfahrt von Hölderlin bis Handke so einiges hineinpasst.

Ist es schon schwierig, den Ton eines literarischen Werks differenziert zu beschreiben, dann ist es noch mal schwieriger, ihn als richtig oder falsch zu beurteilen. Ob die Konstruktion eines Romans gelungen ist, seine Figuren lebendig und seine Erzählwelten plausibel sind, das lässt sich begründen. Ob er sich im Ton vergreift, bleibt eher dem Geschmacksurteil überlassen. Es wird Leserinnen geben, die den Buchtitel Wenn ich noch eine glückliche Mami sehe, muss ich kotzen genau richtig finden. Provokant, offensiv, rücksichtslos und der Stimmungslage einer Frau angemessen, deren sehnlicher Kinderwunsch unerfüllt bleibt. Die sich von der Natur genarrt, von der Medizin durch die Mühle gedreht, von der Gesellschaft bestenfalls bemitleidet fühlt. Darum geht es in dem erzählenden Sachbuch von Anna Schatz. Sie schreibt aus eigener leidvoller Erfahrung, 220 Seiten mehr oder weniger in dem sarkastisch unterlegten Angriffston des Titels.

Ich kann den Zorn und die Verzweiflung, die einen solchen Ton hervorbringen, verstehen. Trotzdem klingt er für mein Ohr falsch; zu grob, zu laut, zu gewollt. Dabei geht es um Nuancen. Mein Empfinden stört sich ganz einfach am Verb "kotzen" im Zusammenhang mit dem Thema. Vermutlich ist der Ton nicht nur das Persönlichste des Autors, sondern auch des Lesers.

Anna Schatz: "Wenn ich noch eine glückliche Mami sehe, muss ich kotzen". Verlag Rowohlt Polaris, Hamburg 2019; 220 S., 14,99 €