"Ein Faultier wäre super!" – Seite 1

DIE ZEIT: Frau Auer, in Ihren Büchern hoffen die Kinder der Wintersteinschule, dass sie ein magisches Tier bekommen. Wie kam die Idee der sprechenden Gefährten zu Ihnen?

Margit Auer: Das war wie bei einem Puzzlespiel, es gab verschiedene Teile. Ich erinnere mich an eine Bergtour vor zwölf Jahren. Einem meiner drei Söhne ist die ganze Zeit eine Katze hinterhergelaufen, und er hat mit ihr geredet. Es sah aus, als könne er Katzensprache. Da dachte ich: Wäre das schön, wenn diese Katze antworten könnte! Später habe ich oft Kinder mit ihren Haustieren beobachtet. Wie sie gekuschelt, ihnen ihre Sorgen anvertraut haben. Und wieder dachte ich, Mensch, wäre das toll, wenn die Tiere antworten würden. Und wie cool wäre es, wenn das auch ein Tiger könnte oder ein Känguru oder eine Vogelspinne. Und irgendwann habe ich angefangen zu schreiben.

ZEIT: Haben Sie als Kind selbst davon geträumt, einen Eisbären oder einen Leoparden zu haben?

Auer: Ich glaube, davon träumen alle Kinder. Ich hatte nur einen Hasen namens Muckel. Ehrlich gesagt war der ziemlich langweilig, er hat bloß geguckt und mit der Nase gewackelt.

ZEIT: Die Kinder in Ihren Romanen bekommen ein magisches Tier, wenn sie Hilfe oder Unterstützung brauchen. Hätten Sie als Kind ein magisches Tier nötig gehabt?

Auer: Richtige Sorgen hatte ich nicht. Ich war eher still, habe auf meinem Bett gelegen, gelesen und Radio gehört. Es wäre vielleicht ganz gut gewesen, wenn mich da ein Tier aus der Reserve gelockt hätte.

ZEIT: Welches Tier wäre passend gewesen?

Auer: Gewünscht hätte ich mir ein unauffälliges Tier, mit dem ich mich ganz verschworen unterhalten hätte. Besser gewesen wäre vermutlich Leonardo, das Streifenhörnchen. Leonardo ist frech und witzig, aber er ist auch ein liebes, kuscheliges Tier, das sich gut auf der Schulter machen würde. Das könnte ich mir gut vorstellen.

ZEIT: Gibt es Tiere oder Kinder aus Ihren Büchern, die Sie nicht so gern mögen?

Auer: Damit es spannend bleibt, brauche ich alle – auch Helene, die so gern herumkommandiert. Selbst sie mag ich aber auf ihre Art. Jemand wie Helene wird bestimmt mal Chefin – und Chefinnen können wir auch in Wirklichkeit gut ein paar mehr gebrauchen.

ZEIT: Inzwischen haben 20 Kinder ein Tier bekommen, ganz schön viele. Haben Sie da noch den Überblick?

Auer: Klar, meine Kinder- und Tierfiguren kenne ich in- und auswendig, und Details schreibe ich in eine große Liste. Welche Farbe hatte Bennis Fahrrad? Wer wohnt im Erdgeschoss, wer im siebten Stock? So etwas notiere ich, weil ich genau weiß, irgendwann brauche ich das wieder.

"So richtig frei habe ich nie"

ZEIT: Bisher haben Sie zwei Bücher im Jahr geschrieben. Wie entstehen die?

Auer: Am Anfang sitze ich oft nur da, schaue aus dem Fenster und plane die Geschichte. Ich fange mit dem Kind an, suche das passende Tier und überlege mir ein Abenteuer für die beiden. Gleichzeitig gehe ich in Gedanken den Schulkosmos durch – Schulball, Ausflug, Fahrt ins Schullandheim: Was könnte wo passieren? Etwa einen Monat denke ich herum, dann fange ich an zu schreiben. Dafür brauche ich noch mal drei Monate.

ZEIT: Sind Sie inzwischen Tierexpertin?

Auer: (lacht) Nein. Ich habe ein riesiges Tierlexikon zu Hause, 950 Seiten dick, da guck ich am Anfang nach, wie die Tiere ausschauen und wo sie leben. Aber dann werden sie ja schnell zu den Freunden der Kinder und sehr menschlich.

ZEIT: Wer liest Ihre fertigen Bücher zuerst?

Auer: Früher meine Kinder. Ich habe es ihnen ausgedruckt, und sie haben beim Lesen "lustig" oder "versteh ich nicht" an den Rand geschrieben. Daraufhin habe ich Teile umgeschrieben. Inzwischen sind sie zu alt für die Geschichten.

ZEIT: Kommen Ihre Kinder in den Büchern vor?

Auer: Nicht direkt, aber sie haben mich auf Ideen gebracht. Dass die Schildkröte Henrietta nicht richtig lesen kann, ist durch meinen jüngsten Sohn entstanden. An einer Eisdiele hing einmal ein Schild, auf dem stand: "Nette Bedienung gesucht". Er las: "Fette Bedienung gesucht". Das habe ich Henrietta sagen lassen – und seither noch viele andere verdrehte Wörter. Im nächsten Band geht Henrietta auf Kutschfahrt, sie macht daraus die "Knutschfahrt".

ZEIT: Ihre Bücher wurden in 22 Sprachen übersetzt und haben sich Millionen Mal verkauft. Was ist das Tollste an Ihrem Erfolg?

Auer: Dass ich Kinderbuchhelden schaffe. So wie ich mich an Hanni und Nanni und die Fünf Freunde erinnere, so erinnern sich die Kinder, die jetzt meine Bücher lesen, vielleicht später an Ida und an Benni. Das macht mich wahnsinnig stolz.

ZEIT: Gibt es auch etwas, das Sie nervt?

Auer: Der Zeitdruck. Weil so viele auf die Fortsetzung warten, muss ich pünktlich abgeben. Meine Familie kennt das schon: Alle bereiten die Silvesterparty vor, ich sitze am Laptop und tippe an der letzten Fassung. So richtig frei habe ich nie, sogar im Urlaub nerve ich alle mit meinen Tieren.

ZEIT: Im Winter kommt der erste "Magische Tiere"-Kinofilm. Durften Sie da mitreden?

Auer: Teilweise. Sie haben den ersten Band genommen, aber vieles verändert. Ich war bei den Dreharbeiten dabei. Das Schloss, das zur Wintersteinschule wird, ist der Hammer, und die Kinderschauspieler sind großartig. Die magischen Tiere kenne ich allerdings noch nicht: Die werden am Computer animiert und später eingebaut.

ZEIT: In diesem Jahr haben Sie viel zu tun: der Kinofilm und gleich drei neue Bücher – dafür werden Sie viel unterwegs sein. Welches magische Tier bräuchten Sie für 2020, ein Faultier?

Auer: (lacht) Ein Faultier wäre super! Wobei, wir haben einen Kater zu Hause, Lorenzo, der zwingt mich auch, ruhig zu bleiben. Wenn der auf dem Bett liegt, darf ich mich nicht bewegen. Ich fände auch einen Esel passend. Der könnte mir helfen, Nein zu sagen, wenn mir alles zu viel wird.

ZEIT: Ist es auch eine schöne Vorstellung, dass die Reihe irgendwann zu Ende sein wird?

Auer: Da bin ich zwiegespalten. Von Astrid Lindgren und J. K. Rowling erzählt man, dass sie bitterlich geweint haben, wenn sie etwas fertig geschrieben hatten. So geht es mir wahrscheinlich auch mal. Aber vielleicht ist es auch befreiend. Ewig weiterschreiben werde ich jedenfalls nicht. Wenn alle Kinder ihr magisches Tier haben, ist Schluss. Dann heule ich ein bisschen – und dann ist gut.