Das Internet war noch nicht erfunden. Also nahm ich den Telefonhörer in die Hand. Ich wählte die Nummer der Russischen Botschaft in Bern. Eine mürrisch klingende Männerstimme fragte mich nach meinem Anliegen. Ohne Umschweife kam ich zur Sache: Ich bat um Informationen über die Transsibirische Eisenbahn.

Vielleicht knackte es in der Leitung. Das weiß ich nicht mehr.

Was ich mit Sicherheit sagen kann: Der Anruf fand am 19. November 1987 statt. Einen Monat vor meinem 15. Geburtstag. Ein Beamter der Zürcher Kantonspolizei hörte das Gespräch mit und protokollierte es. Ein anderer Beamter spannte kurz darauf eine blassgrüne Fiche in seine Schreibmaschine. "Ueber L. ist nichts Nachteiliges bekannt", notierte er. Und das stimmt. Ich war ein Schüler aus Zürich-Seebach, der einen Vortrag über die Transsibirische Eisenbahn halten sollte.

Jetzt, 30 Jahre später, habe ich einen Film über die Fichen-Affäre gedreht: Moskau einfach! heißt er. Es ist eine Komödie geworden. Was sonst? Die Zeit heilt keine Wunden, aber sie macht es möglich, über Verletzungen zu lachen.

Als Nationalrat Moritz Leuenberger im Jahr 1989 offenlegte, in welchem Umfang die Schweiz ihre Bürger überwacht hatte, ging ein Aufschrei der Entrüstung durchs Land. 900.000 Fichen wurden damals gefunden. Wer sich links der politischen Mitte engagierte, hatte gute Chancen, registriert worden zu sein. Es konnte reichen, ein paar Flugblätter zu verteilen. Oder eben mit der falschen Botschaft zu telefonieren. Eltern denunzierten ihre eigenen Kinder, Professoren ihre Studenten. Und die Einträge hatten zuweilen handfeste Folgen. Um die Schweiz vor Subversion zu schützen, wurde rücksichtslos in Biografien eingegriffen.

Komödie ist Tragödie plus Zeit, heißt es. Wenn der Schmerz noch zu groß ist, sind Witze geschmacklos. Erst mit etwas Abstand kann man sich über das eigene Leid amüsieren. (Über fremdes Leid zu lachen geht leichter. Da ist es oft schon Abstand genug, dass man nicht selbst betroffen ist.)

Die erste Idee zu diesem Film lag schon vor zehn Jahren auf meinem Schreibtisch. Es waren nicht die Fichen, die damals mein Interesse weckten, sondern die Insider.

In den 1980er-Jahren wurden Zürcher Stadtpolizisten mit notdürftig zusammengeschusterten Identitäten ausgestattet. Sie ließen sich die Haare und die Bärte wachsen und mischten sich so unter die bewegte Jugend. Im Autonomen Jugendzentrum sammelten sie Flugblätter und brachten diese am nächsten Morgen ihren Vorgesetzten im Kriminalkommissariat III an der Stauffacherstraße.

Wie diese Polizisten, die häufig vom Land kamen, den Jargon der linken Stadtjugend zu imitieren versuchten, stellte ich mir amüsant vor. Sie waren mir zwar nicht direkt sympathisch. Aber ich konnte mich mit ihnen identifizieren. Wer kennt nicht die einsame Sehnsucht des Außenseiters, zu einer Gruppe gehören zu wollen? Als Regisseur plagt mich heute noch manchmal der Verdacht, eigentlich ein Hochstapler zu sein, der jederzeit auffliegen kann. Der Albtraum, in Unterhosen vor vielen Zuschauern einen Vortrag halten zu müssen, ist universell. Wie oft müssen ihn diese Polizisten damals geträumt haben?

Die Angst, beim Lügen erwischt zu werden, ist der älteste und wirksamste dramaturgische Treibstoff, den ich kenne. Ich habe ihn in all meinen Drehbüchern eingesetzt.

In Sternenberg verheimlicht Matthias Gnädinger, dass er der Vater der Lehrerin ist, zu der er in die Schule geht. In Der Freund verheimlicht Philippe Graber, dass er seine verstorbene Freundin kaum gekannt hat. In Die Standesbeamtin verheimlicht Marie Leuenberger, dass sie den Bräutigam, den sie trauen soll, lieber selbst heiraten würde. Und in Nichts Passiert verheimlicht Devid Striesow, dass unter seiner väterlichen Obhut ein Verbrechen passiert ist.

In Moskau einfach! wollte ich nun von einem erzählen, der in der linken Subkultur verheimlichen muss, dass er ein Spitzel ist. Doch der dramaturgische Treibstoff reichte nie bis zum Ende der Geschichte.