Nicht mehr so richtig Rheinland, aber auch noch nicht Eifel: Euskirchen hat es nicht leicht. © Monja Gentschow für DIE ZEIT

Bei Euskirchen betont man die erste Silbe, Oi! Sprechen Sie es richtig aus, mehr Punk werden Sie hier nicht bekommen. Es sei denn, Sie fluchen immer noch, weil Sie gerade den Zug verpasst haben. Vermutlich lief es bei Ihnen so: Sie wollten in Euskirchen nur umsteigen, weil Sie aus der Eifel kommen und nach Köln möchten oder andersherum. Schon aus Ihrem Zug heraus sahen Sie den anderen einlaufen, die Türen öffneten sich, gemeinsam mit den anderen Fahrgästen sind Sie losgesprintet, durch den Tunnel hoch zu Ihrem Zug, und in der Sekunde, in der Sie oben angekommen sind, fuhren alle Züge gleichzeitig ab. Natürlich ohne Sie. Ärgern Sie sich nicht, so läuft das immer hier.

Wissen Sie, Euskirchen hat es nicht leicht. Nicht mehr so richtig Rheinland, aber auch noch nicht Eifel, kümmerlich im Vergleich zu Köln, Bonn oder Aachen. Gut, Euskirchen ist immerhin Kreisstadt und herrscht damit sozusagen über andere Städte im Kreis, aber eben auch nur sozusagen. Vieles, was in Euskirchen mal war, ist heute nicht mehr. Vielleicht haben sich die Euskirchener deswegen den Trick mit den Zügen ausgedacht. Seien Sie gnädig, kommen Sie.

Die rot gepflasterte Bahnhofstraße weist den Weg ins Stadtzentrum. Bleiben Sie nicht bei Backwerk stehen und auch nicht bei Intersport, das können Sie überall haben. Gehen Sie vorbei an der Herz-Jesu-Kirche zu Ihrer Rechten, die sich hoch in den Himmel reckt, während nebenan in Glasbauten, die stark an die Bonner Republik erinnern, Menschen Kaffee trinken. Gehen Sie weiter zum Alten Markt, der sich gleich links neben Ihnen befindet. Weiße Fachwerkhäuser, gelbe und rote Altbauten und in der Mitte ein Brunnen aus Bronze mit drei Statuen: ein Gerber, ein Weber und eine Bäuerin. Sie erinnern an die früheren Stützen des hiesigen Wirtschaftslebens.

Heute kann man in der Lederfabrik wohnen, aus der Tuchfabrik ist ein Museum geworden; die Bauern immerhin gibt es noch, auch wenn sie jetzt Landwirte heißen. In Euskirchen mag man die alten Zeiten, man lässt die Dinge gern, wie sie sind. Wie die Tuchfabrik: Sie machte 1961 Pleite. Aber der Besitzer pflegte seine antiquierten Maschinen liebevoll weiter; es hätte ja wieder bergauf gehen können. Ging es leider nicht, dafür ist das Museum besonders lebensecht.

Spazieren Sie hinter dem Brunnen durch die Baumstraße. Sie sehen das Alte Rathaus, das heute Bürgerbüro ist, und am Ende der Straße die Kirche St. Martin. Der Turm steht ein wenig schief seit einem Erdbeben im Jahr 1951. Auch hier zuckten die Euskirchener mit den Schultern: Ist so, lässt man so.

Vom schiefen Turm von Euskirchen geht es zum besten Kaffee der Stadt. Laufen Sie die Kirchstraße entlang, bis Sie zur Rösterei Kona kommen. Riechen werden Sie die Bohnen vermutlich früher. Auch hier steht noch ein Stückchen der Euskirchener Vergangenheit: Das weiß-braune Fachwerkhaus an der Ecke war das erste Gebetshaus der jüdischen Gemeinde, lange bevor es eine echte Synagoge gab. Heute wird hier Kaffee geröstet. Die Betreiber hatten keine Lust mehr auf überlagerte Ware, die monatelang in "Tütenhaftstrafe" war. Probieren Sie einen Espresso, während Sie an den großen Behältern mit Bohnen vorbeischlendern.

Voller Energie geht es zurück in Richtung Bahnhof. An der Pizzeria Il Rialto, die sogar glutenfreie Pasta anbietet, biegen Sie in die Berliner Straße. Hier steht das Brunotte Filmtheater, das einzige Kino in der Region. Ein weiterer Trick der Euskirchener, so kommen die Menschen aus den umliegenden Orten. Doch Kino, das kennen Sie. Gegenüber liegt Esser, eine Fleischerei aus Erkelenz, die hier durch ein kleines Fenster Wurstbrötchen, Mett und sogar Mini-Schweinehaxen für 3,20 Euro verkauft. Mittags reicht die Schlange weit die Straße hinunter. Der Rheinländer liebt sein Fleisch.

Stellen Sie sich an, und dann aber flott. Sie wollen doch nicht schon wieder Ihren Zug abfahren sehen.