Wenn er zu reden beginnt, weiß man oft lange nicht, worauf er hinauswill. Am Ende trifft er, wenn auch über holprige Umwege, doch immer wieder ins Schwarze. Der grüne Vizekanzler Werner Kogler gemahnt nicht nur Parteifreunde an den legendären Mister Columbo. Auch rein äußerlich wirkt der 58-Jährige oft ähnlich zerknautscht wie der US-Serienheld. Der Politikmarathon des vergangenen Jahres – EU-Wahl, Nationalratswahl, Koalitionspoker, Regierungsstart – hat beim Zugpferd der Ökos Spuren hinterlassen.

Werner Kogler erhält deshalb seit Kurzem jeden Morgen Besuch von einer diskreten Dame. Der Grünen-Chef absolviert alle Medientermine nur noch frisch geschminkt. Die Profi-Stylistin mit dem Make-up- und Frisierkoffer macht auch beim restlichen grünen Regierungsteam regelmäßig Station. Werner Kogler und sein Team sollen gegen den 25 Jahre jüngeren Sebastian Kurz nicht ohne Not älter und blasser wirken.

Das Geheimnis, warum der 33-jährige Kanzler auch nach nur vier Stunden Schlaf, wie jüngst auf der Regierungsklausur, wie frisch aus dem Ei gepellt aussieht, ist seit den gehackten Buchhaltungsunterlagen im Parteicomputer endgültig gelüftet. Die Volkspartei investiert mehrere Hundert Euro im Monat in sein makelloses Auftreten.

Bei der Message-Control des optischen Erscheinungsbildes hat Grün rasch gelernt. Frisur- und schminktechnisch marschieren Türkise und Grüne vier Wochen nach Regierungsstart im Gleichschritt. Bei Tempo und Taktung der Inszenierung ihrer Botschaft gab das Kurz-Team hingegen vom Start weg derart Gas, dass sich das Land bald in einem politischen Flashback wähnte – Türkis-Blau schien lebendiger denn je. Kopftuchverbot für Lehrerinnen, härtere Sanktionen für arbeitslose Flüchtlinge, Asyllager direkt an der Grenze, ein weiterhin eisernes Nein zum UN-Migrationspakt wurden in aller Öffentlichkeit vehement eingefordert. Doch nichts davon steht im türkis-grünen Regierungspakt.

Die vier grünen Regierungsmitglieder gingen im medialen Dauerfeuer der 13 türkisen Kabinettsangehörigen derart unter, dass gleich nach Start schwere Schleudergefahr drohte.

Nicht nur bei den Grünen löste es Irritationen aus, dass das Kurz-Team die Kogler-Truppe nur noch schemenhaft im Rückspiegel erscheinend hinter sich ließ. "Die ersten Frontstellungen zeigen, dass die ÖVP bei ihren Themen eine gewisse hegemoniale Attitüde an den Tag legt. Das darf den Grünen nicht die Luft zum Atmen nehmen", resümiert Heidi Glück, Ex-Pressesprecherin von ÖVP-Kanzler Wolfgang Schüssel und nun Inhaberin einer Beratungs- und Redner-Agentur. Sie war live dabei, als Schwarz und Grün vor bald zwei Jahrzehnten bei ihren Koalitionsverhandlungen scheiterten. Sie mahnt daher bei ihren Parteifreunden an: Aus dem Regierungsmotto "Leben und leben lassen" dürfe nicht "live and let die" werden. "Die erste Regierungsklausur wird erster Gradmesser dafür sein", so die Strategin, "wie viel Grün in den nächsten Regierungsprojekten stecken darf."

"Natürlich wissen wir, dass es Kurz nur um die Macht geht", sagen Grüne vertraulich

Diese Erwartung war offenbar zu hoch gesteckt. Mehr als die Präzisierung des Fahrplans für eine ökosoziale Steuerreform 2022 gab es auch nach zwei Klausurtagen nicht. Das Einverständnis, eine einheitliche Flugticket-Abgabe von zwölf Euro einzuführen, blieb die einzige symbolische Geste.

Deutlich sichtbar wurde aber das türkise Bemühen, nach dem gefährlich holprigen Beginn die Grünen nicht neuerlich zu reizen. In keinem der sechs Medienauftritte fiel auch nur einmal die Begriffe Balkanroute, Migration, Kopftuch oder politischer Islam. Stattdessen demonstrierten Kurz und sein Team Honeymoon-Stimmung ohne Unterlass. Außenminister Alexander Schallenberg und Sozial- und Gesundheitsminister Rudolf Anschober parlierten im Paarlauf über internationale und nationale Maßnahmen bei der Bekämpfung des Coronavirus. Für die neuerliche Verkündigung der Steuersenkung wurde ein türkis-grünes Spitzen-Quartett aufgeboten: Kurz-Blümel-Kogler-Gewessler.

Die mediale Übung scheint fürs Erste gelungen. Die Botschaft, die in Bildern, Statements und Small Talk über die Bühne kommen sollte, beherrschte in den Tagen danach die meisten Berichte und Kommentare: eine neue Harmonie zwischen Türkis und Grün, gut inszeniert, aber nicht nur gespielt, in einem Wellness-Hotel an der Kremser Romantikstraße.