Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten, / Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt. / Versuch’ ich wohl, euch diesmal festzuhalten? / Fühl’ ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt?" Dreißig Jahre nach dem Untergang der DDR publizieren die Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Berliner Dietz-Verlag ein Faust-dickes Drama: die Teufelsaustreibung der Linkspartei, die Verstoßung des SED-Politbüros, zu hören als O-Ton-Dokument und zu lesen als kommentiertes Protokoll (siehe Kasten unten).

Für Nach- und Westgeborene: Das Politbüro war die Kommandantur der DDR. Alle Ministerien unterstanden der Partei. Landesweit hatte die SED 15 Bezirks- und 262 Kreisleitungen installiert. Mit Betriebs- und Wohnparteiorganisationen durchdrang sie fast die gesamte Gesellschaft. Ihr höchstes Organ, das Zentralkomitee (ZK), bestand 1989 aus 165 Mitgliedern. 21 Spitzenfunktionäre bildeten den innersten Zirkel der Macht, dominiert vom Generalsekretär Erich Honecker.

Das Politbüro war ein Mirakel. Es lebte abgeschottet in der Waldsiedlung Wandlitz nördlich von Berlin. Morgens jagte eine Kolonne schwarzer Staatskarossen in die Hauptstadt. Dienstags wurde konferiert. Worüber? Unbekannt, wie viele der zumeist betagten Mitglieder. Im SED-Zentralorgan Neues Deutschland begegnete man Horst Dohlus oder Erich Mückenberger, wenn sie zum runden Geburtstag den Karl-Marx-Orden empfingen oder ein Parteibegängnis ideologiesprachlich ritualisierten. Prominent waren, neben Honecker, sein mutmaßlicher Kronprinz Egon Krenz, Staatssicherheitsminister Erich Mielke, der Ministerratsvorsitzende Willi Stoph, der Volkskammerpräsident Horst Sindermann, der Chefideologe Kurt Hager und Honeckers Intimus und Jagdkumpan, der Wirtschaftsführer Günter Mittag. Dessen selbstbewusstes Gebaren ließ auch den Westen glauben, die DDR sei die neuntstärkste Industrienation der Welt. So ging das ewig, bis zum Jahr des großen Sturms.

Am 7. Mai 1989 wird die Kommunalwahl gefälscht; Wahlleiter Egon Krenz vermeldet 98,85 Ja-Stimmen. Nach dem Pekinger Tiananmen-Massaker am 4. Juni besucht Krenz die chinesischen Genossen. Ungarn durchlöchert seine Grenze nach Österreich, der Fluchtsommer beginnt. Erich Honecker ist wochenlang krank, das Politbüro verharrt in sprachloser Agonie. Das Volk geht auf die Straße. Honecker, halbwegs genesen, erreicht mit letzter Kraft sein Nahziel, den 40. "Republikgeburtstag", begleitet von Protesten und Prügeleien der Volkspolizei. Zwei Tage später, am 9. Oktober, demonstrieren in Leipzig 70.000; die "chinesische Lösung" bleibt aus. Am 17. Oktober spricht Willi Stoph, angestiftet von Krenz, in der Sitzung des Politbüros die Schicksalsworte: "Erich, es geht nicht mehr. Du musst gehen." Die Politbürokraten entlassen auch Günter Mittag und den Agitations-Sekretär Joachim Herrmann. Und wählen Egon Krenz zum Ersten Mann einer Zukunft, die es nicht mehr gibt.

Bald reißt die Wende-Welle alle fort. Am 9. November fällt die Mauer. Am 1. Dezember streicht die Volkskammer den SED-Führungsanspruch aus der Verfassung. Am 3. Dezember wird Günter Mittag verhaftet; das ZK entzieht Honecker, Stoph, Mielke, Sindermann, Werner Krolikowski, Günter Kleiber, Gerhard Müller und Harry Tisch die Parteimitgliedschaft. Sodann demissionieren ZK und Politbüro. Der öffentliche Ruf nach SED-Auflösung wird immer lauter. Ein Außerordentlicher Parteitag beschließt den "unwiderruflichen Bruch mit dem Stalinismus als System" und wählt zum neuen Führungsduo Gregor Gysi und Hans Modrow. Der Parteiname lautet fortan SED-PDS (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands – Partei des Demokratischen Sozialismus), vom 4. Februar 1990 an dann nur noch PDS.

Diese Partei will sich am 18. März zur ersten freien Wahl der DDR-Geschichte stellen. Die Zeit drängt, der Bruch mit der Vergangenheit muss bewiesen werden. Der Sonderparteitag hat eine Zentrale Schiedskommission gewählt, die am 20. und 21. Januar 1990 in Berlin die alte Führung einbestellt. Den Vorsitz des 20-köpfigen Gremiums hat der Staatsanwalt Günther Wieland, Jahrgang 1931, spezialisiert auf NS-Verbrechen. 14 Noch-Genossen harren seines Spruchs, teils über viele Stunden.

Zunächst vernimmt die Kommission Margarete Müller, Landwirtschaftsexpertin, seit 26 Jahren Kandidatin des Politbüros. Sie musste, wie alle Anzuhörenden, eine Stellungnahme zu drei Fragen einreichen: "Wie beurteilst Du Deinen persönlichen Anteil und Deine Verantwortung an der Politik der ehemaligen Parteiführung, die zur Krise in der Partei und in der Gesellschaft führte? Wie hast Du im Kollektiv der früheren Parteiführung gewirkt, um entsprechend dem Statut der SED gegen Subjektivismus, Missachtung des Kollektivs, Egoismus und Schönfärberei aufzutreten und gegen jeden Versuch anzukämpfen, Kritik zu unterdrücken und diese durch Beschönigung und Lobhudelei zu ersetzen? Wie stehst Du zur Inanspruchnahme von Privilegien?"