Ein exquisites Hörspiel bietet die Frauenbeauftragte Inge Lange: "Ich selber komme aus dem Volke und bin an sich ein einfacher Mensch. [...] In der Fülle umfangreicher Vorlagen, die insbesondere zu ökonomischen Fragen behandelt wurden, vermochte ich mich jedoch kaum zurechtzufinden." Bisweilen habe sie gespürt, "das ist die Ecke, die am meisten klemmt". Immerhin habe sie 1972 im dritten Anlauf das Gesetz zum Schwangerschaftsabbruch durchgebracht. Der sachlich-menschliche Kommissionsvorsitzende Wieland weiß, "wie schwer das auch jetzt wieder für jeden ist". Dennoch muss auch Inge Lange ihr Parteidokument abgeben.

Zwei Wirtschaftler treten auf. Gerhard Schürer leitete die Staatliche Planungskommission und wurde nachmals im Westen bekannt als Autor des "Schürer-Papiers" zur DDR-Verschuldung. Honecker finanzierte seine "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" auf Pump, Schürer konfrontierte ihn und Mittag mit schonungslosen Bilanzen. Honecker deckelte den Realisten, der allerdings im Westimport-Shop Wandlitz besonders gierig zugriff. "Hier sehe ich eine große persönliche moralische Schuld."

Eindruck macht Werner Jarowinsky, geboren 1927 in Leningrad, promovierter Ökonom. Er ist schwer krank, neun Monate später wird er sterben. Wandlitz beschreibt er als "Ghetto der Eiseskälte". Das Politbüro habe weder Kollektivgeist noch wirkliche Führung besessen. Das Wirtschaftsdesaster habe er früh erkannt. "Ich war kompetent." Ihn lähmte die Angst, als Parteifeind dazustehen, als Zerstörer der Einheit. Ausschluss, vier Enthaltungen.

Günter Schabowski schwafelt, recht salopp. Er sieht sich als Honecker-Stürzer und Wende-Pionier, ist allerdings in Wandlitz heftig "in den Sog solcher Privilegien geraten". Überdies hing er "der Illusion an [...], dass die Wirtschaft der DDR relativ gut dasteht". Honecker/Mittag hätten mit falschen Daten manipuliert, wonach Gorbatschows marode Sowjetunion, nicht jedoch die DDR der Perestroika bedurfte. Nun aber begreife er, "dass dieses System des administrativen Sozialismus auf eine verhängnisvolle Weise immer zur Selbstrechtfertigung tendiert." Es hilft ihm nicht.

Egon Krenz spricht klar: über die Wahlfälschung, über den Sommer der Agonie, über die Leipziger Krise, als er Waffengebrauch strikt untersagt habe. Auch über seine Hemmungen als Junior im Politbüro. "Gab’s hier jemand, der die Absetzung Erich Honeckers gefordert hat? Ich meine diese Frage ernst, weil alle Fragen aus heutiger Sicht gestellt werden. [...] Ich kämpfe um meine Mitgliedschaft." Nach 102 Minuten Nachtkampf wird auch Krenz aus der Partei entfernt. Vier Gegenstimmen.

Dann ist’s vollbracht. Der Ohrenzeuge dieses moralischen Marathons teilt die Erschöpfung der Schiedskommission. Dieses Basis-Gremium desinfizierte seine Partei und putzte die eigene Geschichte. "Die Parteien der 1919 gegründeten Kommunistischen Internationale (Komintern) waren nach ihrer Bolschewisierung militarisierte, straff organisierte Bürgerkriegsparteien mit einer dementsprechenden missionarischen, quasireligiösen, sektenhaften Parteiideologie. Es entfaltete sich das Szenario von Parteireinigung, Denunziation, Ketzergericht, Exkommunizierung, Verdammung und Verbannung bis hin zum Massenmord an den eigenen Gefolgsleuten." So schreibt Volkmar Schöneburg im vorbildlich kommentierten Protokollband Ausschluss. Das Politbüro vor dem Parteigericht. In milderer Form "wurde auch in der SED weiter denunziert, 'entlarvt', 'ausgemerzt' und 'liquidiert'"; die "Disziplinierung und Unterwerfung des Einzelnen" sei im Selbstverständnis der Genossen tief verwurzelt gewesen. Das Parteigericht vom Januar 1990 nennt Schöneburg einen notwendigen Anachronismus.

Bei der Wahl am 18. März 1990 gewann die PDS 16,4 Prozent der Stimmen. Im vereinigten Deutschland gerierte sie sich lange als Partei des Ostens – eine Anmaßung mit Gründen. Alle anderen Parteizentralen residierten im Westen, ohne Sinn für ostdeutsche Geschichte und Kultur. 1989 hatten von 16,4 Millionen DDR-Bürgern 2,3 Millionen der SED angehört, darunter fast die komplette Funktionselite des Landes.

Die heutige Linke ist im Kern sozialdemokratisch-bürgerlich. Ihr Wandel gelang durch Erkenntnis, Generationsablösung und die Vereinigung mit der westdeutschen Wahlalternative Arbeit & soziale Gerechtigkeit (WASG) 2007. Bereits am 20. Januar 1990 hatte der Vorstand der SED-PDS erklärt: "Die Gegenüberstellung Erneuerer – Stalinist ist zu simpel. Die Erneuerung muss in jedem selbst stattfinden." Klassisch sagt’s die Internationale: "Uns aus dem Elend zu erlösen / können wir nur selber tun."