In ihrer neuen Kolumne "Von unterwegs gesendet" schreibt die ZEIT-Redakteurin Christine Lemke-Matwey über Gedanken aus den Transiträumen der Gesellschaft.

Ich bin viel unterwegs, manchmal sogar sehr viel. Manchmal bin ich so viel unterwegs, dass mir Dinge, die keinen Vorwärtsdrall haben, widerstreben. Sitzen zum Beispiel oder schlafen. Oder einfach nur nett sein. Unterwegssein macht nicht netter, das beschäftigt mich gerade ziemlich.

Neulich zum Beispiel, ich will zwei Dinkelseelen holen und radle gemütlich auf die Kreuzung vor der Biobäckerei zu, da schiebt sich, nun ja, ein SUV in mein Gesichtsfeld. Ich mag dicke Autos, ehrlich, meinen Führerschein habe ich in einem Maserati Biturbo 2.5 gemacht. Na, denke ich und trete sanft weiter in die Pedale, rechts vor links, der wird bestimmt gleich anhalten. Tut er aber nicht. Keinerlei Anstalten. Ich auch nicht. Ein Klischee kommt eben selten allein, außerdem sitzt am Steuer – eine Frau. Hidschabträgerin, Lippen wie Airbags, Wimpern wie Scheibenwischer, Horrorfingernägel, Handy am Ohr. Erst bremst sie mich aus, dann muss sie selber bremsen, weil ihr einer entgegenkommt und die Straße für zwei nicht breit genug ist. Fahrradvorderreifen an Metallic-SUV-Tür also, ich hüpfe halb vom Sattel und mache eine fragende Geste, eine nette fragende Geste. Woraufhin sie sich demonstrativ ihr Telefon vom Ohr reißt: "Was willst du?", lippenlese ich auf den Airbags.

Was ich will? Zwei Dinkelseelen. Und mehr Frauensolidarität im öffentlichen Raum. Nein: Ich will, dass die im normalen Leben sicherlich reizende Mitbürgerin mir Vorfahrt gewährt, ganz wie es unsere StVO vorsieht. Das will ich. Geschieht aber nicht. Stattdessen weiteres Gehühnere hinter getönter Scheibe. Also kurve ich links um das SUV herum, und da die Dinger so lang wie breit wie hoch sind, fällt mir praktisch in Griffhöhe, wie von selbst, die Klinke (warum heißt das bei Autos nicht so?) der rechten hinteren Tür in die Hand, und ich ziehe kurz daran. Das ist definitiv nicht nett, siehe oben. Die Tür macht leise Plopp, geiles Sounddesign, denke ich – da brüllt die Frau mir hinterher: "Du alte Zicke! Ich polier dir die Fresse, du Nutte! Du Fotzää!"

In solchen Situationen stelle ich mir gerne vor, wie es wäre, wenn es anders wäre.

Variation 1: Ich übe mich in Gelassenheit. Blinzle in die Sonne, einundzwanzig, zweiundzwanzig, und zaubre ein Lächeln auf mein Gesicht. Hey, das geht, das fühlt sich gut an!

Variation 2: Ich sehe, wie die Hidschabträgerin, noch während sie mich beschimpft, in Tränen ausbricht ("IMMER mache ich ALLES falsch!"). Vorsichtig bugsiere ich sie auf den Beifahrerinnensitz, wuchte mein Rad in den Kofferraum (passt locker) und ergreife das Steuer. Wir fahren ziellos durch die Stadt, sie erzählt mir aus ihrem Leben. Dass sie gerade eine Schreitherapie macht, bei fake lashes auf Echthaar steht, von öffentlichen Verkehrsmitteln Pickel kriegt, solche Sachen. Am Ende schenkt sie mir ihre Wutmatte (Teil der Therapie), die brauche sie jetzt nicht mehr.

Variation 3: Ich habe die Klinke kaum angefasst, da springen zwei Typen aus dem Auto, die älteren Brüder der Chauffeuse, wie sich herausstellt, einer schnieker als der andere. Sie möchten sich für ihre Schwester entschuldigen, könnten sich diesen Ausraster gar nicht erklären, nichts in der Familie sei ihnen heiliger als die StVO! Unisono deklamieren sie aus § 1 Abs. 2: "Wer am Verkehr teilnimmt, hat sich so zu verhalten, dass kein anderer geschädigt, gefährdet oder, mehr als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird." Ich weine ein bisschen. Vor Rührung und vor Hunger.

Es sind solche Geschichten, die wahren wie die erfundenen, die zeigen, warum Unterwegssein nicht netter macht. Der Überlebenskampf beginnt vor der eigenen Haustür, und die Welt besteht aus Rowdys. Kaum jemand hält sich auf der Straße an Regeln oder Vorschriften – und pocht im Zweifelsfall auf nichts anderes. "Schleichende Entsozialisierung" hat das der Deutsche Verkehrsgerichtstag unlängst genannt. Meine Vorfahrt ist okay (meine dunkelrote Ampel, mein Stiefel in deiner Tür), deine nicht. Kurzfristig mögen uns die Verstöße der anderen zu mündigen Verkehrsteilnehmern erziehen; mittelfristig verwandeln sie uns in Paragrafen-Hengste und -Stuten oder blutige RächerInnen. Was man auf einer Fahrt zum Bäcker doch alles lernt.