Auch die Wiedervereinigung ist ein großer Moment in der deutschen Geschichte, keine Frage. Niemand, der bei Verstand ist, will sie rückgängig machen oder gar anzweifeln. Sie ist tatsächlich Realität geworden und wird es jedes Jahr mehr, je länger sie her ist. Und weil das so ist, weil wir heute ganz selbstverständlich und selbstbewusst mit und in ihr leben, können und müssen wir uns ihr noch einmal kritischer zuwenden. Wir müssen fragen: Was ist damals eigentlich wirklich passiert?

Die Einheit war, bei allem Pathos, natürlich auch ein kalkulierter Akt der Macht. Der studierte Historiker Helmut Kohl ahnte, dass das Fenster für eine Vereinigung der beiden deutschen Staaten nicht lange offenstehen würde. Und so wurde sie, weil viele in Ost und West sie sich zu Beginn des Jahres 1990 immer mehr zu wünschen begannen (und vornehmlich die CDU diesen Wunsch ordentlich anheizte), in einem günstigen Moment konsequent bis brachial durchgezogen. Von Anfang an waren die Dominanz und Überlegenheit des Westens zu spüren, sie haben sich tief in die beiden Vertragswerke des Einigungsvertrages eingeschrieben. Es begann mit der Entscheidung über eine schnelle Wirtschafts- und Währungsunion, aber es hörte nicht auf mit Regelungen wie der sogenannten "Rückgabe vor Entschädigung". Nicht einmal zu einer neuen gemeinsamen Verfassung ließ der Westen sich überreden. Lothar de Maizière, Chef der frei gewählten letzten DDR-Regierung, blickte 2009 auf die Verhandlungen so zurück: "In der ersten Sitzung habe ich gesagt: Meine Herren, wir dürfen vom ersten Moment an nicht vergessen, dass wir eine Aufgabe haben. Wir müssen uns selbst überflüssig machen." Das ist alles andere als eine selbstbewusste Position.

Viele namhafte Ökonomen haben damals vor einer überstürzten Vereinigung gewarnt. Noch die schlimmsten ihrer Warnungen sind in den folgenden Jahren eingetreten: Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft durch die Währungsreform, Massenarbeitslosigkeit, Deindustriealisierung, Übernahme der Reste der DDR-Wirtschaft fast ausschließlich durch westdeutsche und ausländische Investoren. Und schließlich eine millionenfache Abwanderung.

Die Friedliche Revolution und den Mauerfall zu feiern geht daher völlig in Ordnung. Gerne und immer wieder und so ausgelassen wie möglich, als Freudenfest der Selbstermächtigung und Demokratie. Die Wiedervereinigung gibt weniger Anlass zu Ausgelassenheit. Eigentlich kann man sie gar nicht einfach so feiern.

Natürlich hatten die Ostdeutschen sich ihre Lage selbst herbeigewählt. Noch wenige Wochen vor der ersten und letzten Wahl zur Volkskammer im März 1990 hatte die SPD in den Meinungsumfragen vorn gelegen. Man weiß nicht, ob sie manches besser gemacht hätte. Man weiß aber, dass Helmut Kohl mit dem Versprechen einer schnellen Einheit in den Wahlkampf eingriff, so die Stimmung auf den letzten Metern noch drehen konnte. Das Votum für die CDU kam so einem Votum für die schnelle Einheit gleich. Die Ostdeutschen machten sich selbst zu Statisten. Die große Geschichte schritt fortan mit ihrem Einverständnis über sie hinweg. Die Sehnsucht nach einem Wohlstand westlicher Prägung war einfach zu groß.

Die Westdeutschen sagten den Ostdeutschen in den Einigungsverhandlungen: Ihr wollt unsere D-Mark? Dann nehmt auch unsere Regeln.

Die wenigen Monate vom Mauerfall bis zur Unterzeichnung des Einigungsvertrages Ende August 1990 lassen sich deshalb auch als die Geschichte einer abgewürgten ostdeutschen Emanzipation beschreiben.

Überall im Land, in vielen Kommunen, hatten sich nach dem Mauerfall Runde Tische gegründet. Bürgerinitiativen, die sich natürlich laienhaft, aber voller Motivation und im ständigen Ringen um Basisdemokratie mit dem Erbe des SED-Regimes beschäftigten, die sich einen Überblick über die Verhältnisse zu machen begannen, um hernach Formen der demokratischen Kontrolle und Selbstverwaltung zu begründen. Es wurden Stasi-Zentralen besetzt, neue Parteien und Bündnisse und Zeitungen gegründet. Es wurde das tatsächliche Ausmaß der Umweltschäden untersucht, man bereitete offene und freie Wahlen vor. Das war schon so etwas wie eine große gesellschaftliche Selbstfindung, eine kurze Episode hoher Politisierung. Doch kaum hatte all das begonnen, wurde es mit der Einheit beendet. Danach ging es ausschließlich darum, die westdeutschen Strukturen auf die neu geschaffenen fünf neuen Länder zu übertragen. Und ein gewaltiger Elitentransfer von West nach Ost setzte sich in Gang.