Im vergangenen Jahr, das hat hoffentlich noch niemand vergessen, haben wir den 30. Jahrestag des Mauerfalls gefeiert. Auch wenn ich 2019 schon dachte, dass ich die alten Bilder der tanzenden Menschen auf der Mauer eigentlich nicht mehr sehen kann, kamen mir dann doch ein bisschen die Tränen. Das war, als ich gemeinsam mit meinem Sohn auf dem Alexanderplatz stand und die großen Lichtinstallationen betrachtete. Mein Sohn lehnte seinen Kopf an meine Schulter. Und ich dachte daran, dass ich 1989 so alt war, wie er heute ist. Damals lief ich mit meiner Mutter über den Leipziger Ring und hielt ihre Hand.

Nun überlegte ich, 2019 auf dem Alexanderplatz, dass es doch so etwas wie eine historische Wahrheit geben muss. Oder sagen wir: historische Schönheit. Kein noch so kitschig inszeniertes Event kann im Nachhinein kaputt machen, was damals geschaffen wurde. Ohne Waffengewalt erkämpfte Freiheit, erkämpft zudem mit nichts als Kerzen in der Hand, nach einem Gottesdienst. Die Bilder davon haben bis heute eine Aura. Die Bilder von damals altern nicht, sie können durch keine danach gemachte Erfahrung überschrieben werden.

Aber das ist auch der Grund dafür, dass ich mit Sorge auf die Feiern schaue, die uns in diesem Jahr bevorstehen. Dass ich glaube, mich jetzt nicht so sehr freuen zu können.

In diesem Jahr wollen wir die Wiedervereinigung feiern. Ebenfalls deren 30. Geburtstag. Viele hoffen, dass die 2019 begonnene Party einfach so weitergehen kann. Denn es ist ja in unserem Land zu einer guten Gewohnheit geworden, die Friedliche Revolution und die Wiedervereinigung eng miteinander zu verbinden, sie derart dicht nebeneinanderzustellen, als wäre das eine so schön wie das andere. So, als bedeutete der Mauerfall – also der Moment, in dem die Menschen sich an den Grenzübergängen in die Arme fielen – bereits die Vereinigung.

Aber dem war natürlich nicht so.

Ich will ehrlich sein: Die Fotografien, die es von der Wiedervereinigung gibt, strahlen für mich nicht die erhabene Schönheit der Bilder von 1989 aus. Bei ihrem Anblick sind mir noch nie die Tränen gekommen.

Ich bin nicht gerührt vom Foto der Unterzeichnung des Einigungsvertrages am 31. August 1990: Wolfgang Schäuble und Günther Krause sitzen nebeneinander an einem Holztisch, hinter ihnen stehen ausschließlich Männer.

Ich bin auch nicht gerührt vom Foto von Bundeskanzler Helmut Kohl und anderen, vor dem Reichstag am Abend des 3. Oktobers 1990. Man glaubt das beim ersten Hinsehen gar nicht, aber da fallen einem zunächst wirklich nur Westdeutsche ins Auge: Oskar Lafontaine, Willy Brandt, Hans-Dietrich Genscher, Hannelore Kohl, Helmut Kohl, Walter Momper und Richard von Weizsäcker. Okay, Genscher ist in Halle geboren, aber er hat die DDR kaum erlebt. Hat sich damals niemand gefragt, wo die Ostdeutschen geblieben sind? Wer vereinigte sich hier mit wem? Westdeutsche Spitzenpolitiker mit sich selbst?

Die Revolution und die Wiedervereinigung sind aufeinanderfolgende Daten, Daten mit einem Zusammenhang, aber zwei sehr unterschiedliche historische Ereignisse. Die Revolution war eine großartige, berauschende, rauschhafte Sache. Eine Stunde öffentlichen Glücks, um es in den Worten Hannah Arendts zu sagen. Und eine Sache der DDR-Bürger sowie, natürlich, der Osteuropäer.