Vor über zehn Jahren sollte es in Deutschland eigentlich beginnen: das Zeitalter der intelligenten Stromzähler. Dann verzögerten Sicherheitsbedenken und die nötige Anpassung Dutzender Gesetze und Normen das Projekt immer weiter. Jetzt aber kann es endlich losgehen. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) hat drei Hersteller von intelligenten Stromzählern (Smart Meter) zertifiziert und damit die Voraussetzung für eine flächendeckende Einführung geschaffen.

Das BSI spricht bereits von einem "Meilenstein für die Energiewende". Das ist allerdings eine reichlich vollmundige Ankündigung. Tatsächlich verändert sich für 90 Prozent aller deutschen Haushalte erst einmal gar nichts. Sie verbrauchen weniger als 6000 Kilowattstunden Strom im Jahr und dürfen ihren alten Stromzähler einfach weiterlaufen lassen – egal, ob es sich dabei noch um einen schwarzen Kasten mit drehendem Rädchen handelt oder um ein weißes Gerät mit Digitalanzeige. Beide Zählertypen erfassen lediglich den Verbrauch und müssen am Standort abgelesen werden.

Ein echtes Smart Meter verfügt dagegen zusätzlich über ein sogenanntes Gateway, ein weiteres weißes Kästchen, das den Zähler über das Mobilfunknetz mit dem Stromversorger verbindet. Der erhält darüber alle für die Abrechnung nötigen Verbrauchsdaten, außerdem kann er – und das ist das eigentlich Neue – seine Benutzer darüber informieren, zu welcher Stunde der Strom wie viel kostet, und sogar deren Haushaltsgeräte steuern. Der Kunde wiederum kann mit technischem Geschick und einigen Teilen aus dem Elektronikmarkt zum Beispiel seine Waschmaschine oder seinen Geschirrspüler so einstellen, dass sie laufen, wenn die Kosten niedrig sind.

Das Versprechen: Die Haushalte sparen Geld sparen, indem sie Waschmaschine, Geschirrspüler oder Wärmepumpe dann laufen lassen, wenn der stündlich schwankende Strompreis gerade günstig ist. Und die Energieunternehmen sparen Kosten für den Ausbau ihrer Netze. Denn wenn der Stromverbrauch möglichst gut zu den schwankenden Erträgen von Windparks und Solaranlagen passt, müssen weniger Stromkabel verlegt, weniger Umspannstationen gebaut und weniger Kraftwerke unter Dampf gehalten werden.

Noch fehlen zwar einige regulatorische und technische Standards, grundsätzlich sind die neuen Smart Meter für all diese Aufgaben aber tatsächlich geeignet. Das hat das Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik Ende vergangenen Jahres in einem Labortest demonstriert. Auch der Schutz persönlicher Daten scheint inzwischen garantiert. Aus den sekundengenauen Verbrauchswerten früherer Pilotversuche hatten IT-Spezialisten sogar herausrechnen können, welches Fernsehprogramm im Smart-Meter-Haushalt lief. Die aktuellen Geräte übermitteln nur noch verschlüsselte Angaben – im Normalfall einmal monatlich, im Extremfall im 15-Minuten-Rhythmus. "Ich sehe da keine Sicherheitsprobleme mehr", sagt Christoph Nölle, der den Labortest geleitet hat.

Wer von der Verlagerung seines Stromverbrauchs in Zeiten niedriger Preise – meist sind die spät in der Nacht – profitieren will, braucht einen entsprechenden Tarif. Bisher gibt es dafür erst drei Anbieter, alle aus der Solarbranche. Statt der üblichen 30 Cent kostet die Kilowattstunde bei ihnen nur 20 Cent, dazu kommt der Börsenpreis. Wie hoch er für jede Stunde eines Tages ist, erfährt der Kunde um 14 Uhr am Vortag. Die Schwankung dieses Zusatzpreises ist auf eine Spanne von minus 20 bis plus 20 Cent beschränkt, im Durchschnitt liegt der Börsenpreis bei fünf Cent. Stundengenau abgerechnet wird einmal im Monat.

Für die meisten Haushalte lohnt sich der Aufwand allerdings nicht. Denn allein für den Ersatz des klassischen Stromzählers durch ein Smart Meter werden rund 100 Euro im Jahr fällig. Dazu kommen die Kosten für weitere Technik und – das wird gern vergessen – auch für deren Stromverbrauch. Wer seine Waschmaschine, den Geschirrspüler oder die Gefriertruhe mit Billigstrom laufen lässt, kann damit dann aber kaum mehr als 20 Cent am Tag sparen.

Für Normalverbraucher wäre das Ganze also ein Minusgeschäft. Das hatte eine Studie im Auftrag des Wirtschaftsministeriums bereits 2013 festgestellt. Deshalb wurde die Pflicht zum Einbau eines Smart Meter in Deutschland auf größere Verbraucher beschränkt. Doch selbst die profitieren in der Regel nur dann, wenn sie ein Elektroauto haben. Wird das zu Hause mit dem billigsten Nachtstrom betankt, spart das maximal zwei Cent pro Kilometer. Bei einer Fahrleistung von 10.000 Kilometern im Jahr wären dann immerhin die Zusatzkosten des Smart Meter kompensiert. Wirklich lohnen könnte sich der ganze Aufwand daher nur für die Stromanbieter.