90 Zeilen … Liebe © privat

Tante Gisela rief an. Frühere Rechtsanwaltskollegen meldeten sich nach Jahren bei mir. Vertreter aller Parteien schickten Solidaritätsgrüße. Heiner, meine Flamme aus Studienzeiten, erinnerte sich an mich.

Jeder will reden: darüber, wie zerbrechlich unsere Demokratie ist – und darüber, wie man sie schützen kann. Dafür bin ich dankbar, auch wenn es dafür erst den großen Knall brauchte.

Am vergangenen Samstag, 8. Februar, verließen meine jüngste Tochter und ich das Haus. Wir leben in einer Kleinstadt in Ostseenähe mit netten, wortkargen Menschen. Direkt vor der Tür wurden wir angegriffen: Eine Gruppe junger Erwachsener bewarf die 9-Jährige und mich mit Feuerwerk. Wir kamen mit dem Schrecken davon. Geweint habe ich trotzdem. Die Erfahrung der Verwundbarkeit hat meine Familie verändert.

Ich bin seit 2013 Mitglied der FDP, bei der Europawahl 2019 war ich Spitzenkandidatin in Mecklenburg-Vorpommern. Mein Lebenspartner, Bundestagsabgeordneter der Liberalen, hatte kurz vor der Attacke auf uns dem Parteikollegen Thomas Kemmerich zur Ministerpräsidentenwahl in Thüringen gratuliert. Ebenfalls kurz zuvor war die Geschäftsstelle der FDP in Schwerin beschmiert worden: "Fight Nazis! Fck FDP!" Ob das alles etwas miteinander zu tun hat, ist fraglich. Sicher ist nur so viel: Nach der Wahl in Thüringen ist nichts mehr, wie es war.

Für mich ist es nicht das erste Mal, dass ich bedroht werde. Im Sommer 2019 erfuhr ich, dass ich auf der Feindesliste von "Nordkreuz" stehe. Diese rechte Terrorgruppe soll die Ermordung von Menschen vorbereitet haben, die sich wie ich in der Flüchtlingshilfe engagieren. Als damals berichtet wurde, musste ich mir noch Unterstellungen gefallen lassen, "es" schon irgendwie verdient zu haben. Das hat sich verändert: Die Berichte über Attacken nach der Thüringen-Wahl bringen die Menschen miteinander ins Gespräch. Heute kommt niemand mehr auf die Idee, ein kleines Mädchen und seine Mutter könnten einen Angriff mit Feuerwerk durch ihr Zutun provoziert haben.

Die Solidarität, die meine Familie und ich erfahren, ist ermutigend. Und doch frage ich mich: Wer will in einem solchen Klima noch Politiker werden? Fast jeder hat eine Meinung, die er schnell und laut in sozialen Netzwerken äußert. Aber wo ist der politische Nachwuchs? Wo ist die Erkenntnis, dass eine Meinung allein die Welt nicht verändert?

Ich arbeite, wie die meisten Politiker, im Ehrenamt, ich klebe Plakate, stehe an Wahlkampfständen. So eine Aufgabe sollte positive Resonanz haben. Stattdessen erzeugt sie immer mehr Verdruss bei jenen, die sie erledigen.

In optimistischen Momenten hoffe ich nun, dass die Menschen aus den Ereignissen in Thüringen eine Lehre ziehen: Aus vielen starken Meinungen muss mehr Engagement wachsen. Demokratie lässt sich nicht auf wenige auslagern, die das Klima aushalten. Sie braucht mehr Aktive, die dafür sorgen, dass sich das bestehende Klima ändert. Vielleicht tut es das ja gerade: Seit ein paar Tagen treffe ich wieder viele Menschen mit Lust auf politische Gespräche. Mit Neugier auf die Argumente der anderen. Mit Austausch statt Unterstellung können wir es zukünftig besser machen.

Erich Fried schrieb einmal: "Wer hört die Gerechtigkeit an? Wo soll sie wohnen?" Ich glaube, ich habe gerade erfahren, wo sie wohnt.

Meine Zeilen gelten allen, die mich nach dem 8. Februar unterstützt und mir Zuversicht gegeben haben. Sie und Ihre Empathie, die gewissenhafte Beobachtung der politischen Vorgänge, zeigen unsere Gesellschaft in bestem Licht. Meine Tochter und ich danken Ihnen für die Geborgenheit, die wir von Ihnen erfahren haben.