So mächtig wie in der Waadt sind die Frauen in keinem anderen Kanton der Schweiz. Fünf Frauen und zwei Männer sitzen in der Regierung im Château Saint-Maire in Lausanne. Schon seit acht Jahren sind die Frauen in der Waadtländer Exekutive in der krassen Überzahl. Das änderte sich auch am vergangenen Wochenende nicht. Wie erwartet wurde die erfahrene FDP-Politikerin Christelle Luisier als Nachfolgerin von Jacqueline de Quattro gewählt. Und auf dem zweiten Platz landete überraschend die erst 19-jährige Klimaaktivistin und Schülerin Juliette Vernier. Sie holte 23 Prozent aller Stimmen. Das sind mehr, als die beiden männlichen Kandidaten, die sich ebenfalls um einen Sitz im Staatsrat bewarben, zusammen erhielten.

Wieso aber hieven die Waadtländer ihre Kandidatinnen derart häufig in höchste kantonale Ämter? Oder anders gefragt: Was könnten die Bündner, Luzerner und Appenzell-Ausserrhodner, in deren Kantonen keine einzige Frau in der Regierung sitzt, von den Vaudois lernen?

"Y’en a point comme nous", niemand ist so toll wie wir. So brachte der Kabarettsänger Gilles das Waadtländer Selbstbewusstsein auf den Punkt. Das war im Jahr 1947. Am vergangenen Sonntag bestätigten die Waadtländer das Klischee. Die Frauenwahl sei "gut für das Image des Kantons", sagte FDP-Finanzminister Pascal Broulis. SP-Regierungspräsidentin Nuria Gorrite sieht das ähnlich: "Wir vermitteln das Bild eines Kantons, der Frauen, aber auch junge Menschen und eingebürgerte Schweizer integriert." Gorrite selbst ist spanischer Herkunft, und die fünf Frauen verjüngen mit ihrem Durchschnittsalter von 48 Jahren das Kollegium beträchtlich. Neben ihnen sehen die zwei verbliebenen Männer, Pascal Broulis und Philippe Leuba, beide 1965 geboren, fast schon alt aus.

Aber die Frage bleibt: Warum werden in der Waadt so viele Frauen gewählt? Die Waadtländer haben die politischen Ambitionen ihrer Mitbürgerinnen immer schon unterstützt, lautet die landläufige – wenngleich falsche – Erklärung. 1959 gehörte die Waadt neben Neuenburg und Genf tatsächlich zu den einzigen drei Kantonen, die das Frauenwahlrecht einführten. Doch die bürgerlichen Parteien, die den Kanton regierten, unternahmen 40 Jahre lang keine großen Anstrengungen, weibliche Kandidaturen zu fördern. Während in Zürich im Jahr 1983 die Sozialdemokratin Hedi Lang zur ersten Regierungsrätin der Schweiz aufstieg, war die Waadt erst 14 Jahre später dafür bereit: 1997 schaffte es die freisinnige Jacqueline Maurer in die Kantonsregierung.

Mit dem Aufstieg der Waadtländer Linken wuchs auch der Frauenanteil in der Exekutive. Die grüne Béatrice Métraux gewann 2011 den dritten Frauensitz, die Sozialdemokratin Nuria Gorrite einige Monate später den vierten. 2012 fiel dann die doppelte Mehrheit im Chateau: jene der Bürgerlichen und der Männer.

Mit der frisch gewählten Christelle Luisier wird nun auch das bürgerliche Lager weiblicher. "Wir brauchen eine rechte Frau in der Regierung", betonte sie mehrmals im Wahlkampf. Das bürgerliche Lager, das nur noch drei der sieben Sitze in der Exekutive hat, kann es sich nicht leisten, die Sache der Gleichberechtigung der Linken zu überlassen.

Seit acht Jahren sind in Lausanne also Frauen verschiedener politischer Couleur an der Macht. Formidable!, würde man meinen. Wäre da nicht ein peinliches Detail: Es war ein Männerduo, das die Regierung in den vergangenen Jahren prägte: der Sozialdemokrat Pierre-Yves Maillard, der sein Amt im Mai 2019 abgab, um Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes zu werden, und der freisinnige Finanzchef Pascal Broulis. Mit ihrem Steuerdeal erlangten sie schweizweite Bekanntheit. Sie selber sprechen lieber von einem "dynamischen Kompromiss". Der eine, der Finanzminister, senkte die Gewinnsteuern für Unternehmen radikal. Der andere, der Sozialminister, erhielt im Gegenzug 150 Millionen Franken für Familien, Kinder und Rentner, zu einem Drittel bezahlt von der Wirtschaft. Und das Volk zog mit.

Nuria Gorrite, die als erste Frau den Kanton präsidiert, schätzt ihre Kollegen und deren Einfluss freilich anders ein: "Die Faszination der Medien für dieses Männerduo ist übertrieben und einfältig. Damit reproduzieren sie die männliche Herrschaft." Gleichwohl besteht kein Zweifel, dass diese beiden Männer mit ihren Aktionen, ihren Visionen und ihrer Überzeugungskraft die ideologischen Widerstände links wie rechts zum Schmelzen brachten. Nur wenige Sozialdemokraten wagten es, die von Maillard unterstützten Steuersenkungen für Unternehmen anzufechten, und nur einzelne Arbeitgeber trauten sich, die von Broulis gewährte Erhöhung der Sozialausgaben zu bekämpfen.