Es ist selten, dass in eins fällt, was ein Laden brauchen kann und was an Kandidaten verfügbar ist. Dieses Glück wird derzeit womöglich der katholischen Kirche zuteil: Weil Kardinal Reinhard Marx überraschend auf eine zweite Amtszeit verzichtet, braucht die Deutsche Bischofskonferenz binnen drei Wochen einen neuen Vorsitzenden. Und tatsächlich steht ein Kandidat bereit, der alles mitbringt, was eine Kirche sich nur wünschen kann – außer einer gesicherten Mehrheit.

Innerlich gespalten und äußerlich im Abstieg begriffen, so steht die Kirche aktuell da. Wer sie führen will, muss ihre Nöte als Wüstenjahre begreifen: unvermeidlich, aber nicht unendlich, solange einen der Glaube bei der Stange hält – der Glaube an Gott, vor allem aber der an die eigenen Gläubigen. Der 58-jährige Heiner Wilmer vereint viel von dem, was ein solcher Wüstenhirte braucht. Vor gerade mal zwei Jahren erhielt er vom Papst höchstselbst den Anruf, der ihn dazu bewegte, Bischof von Hildesheim zu werden. Wilmer hatte ihm eine E-Mail geschickt und Zweifel an der eigenen Eignung geäußert, da griff Franziskus zum Handy und überzeugte den Zögernden. Vertrauen in Rom genießt der Mann also wie vor ihm nur Marx, was auch an seiner Internationalität liegt: Obwohl als Emsländer stolzer Provinzler, leitete er von Rom aus einen weltweit tätigen Orden, die Herz-Jesu-Brüder. Dort lernte er, dass Leitung nicht heißt, Mitbrüder zu dominieren, sondern zu moderieren. Das dürfte ihm in der Bischofskonferenz manche Stimme eintragen.

Außerdem stärkt ihn ein Leben und nicht bloß ein Lebenslauf: Als Direktor brachte er einst seine ganze Schule dazu, nach Santiago de Compostela zu pilgern, als Karawane zu Fuß und mit Bussen. Er kann also planen und begeistern – und schrieb ein kluges Buch über Moses, den Wüstendurchquerer. Für einen Furchtlosen wie ihn macht Kardinal Marx den Weg frei: "Ich finde, es sollte die jüngere Generation an die Reihe kommen."

Und die wacklige Mehrheit? Wüstenvater Wilmers informeller Wahlspruch lautet: Konservativ, aber richtig! Trotzdem ist er manchem Konservativen schon zu liberal und vielen Liberalen immer noch zu konservativ. Was in einer zerrissenen Kirche zeigt: Er könnte der Richtige sein.