Was ist konservativ? Das Tweedjackett und die Geldanlage, der Bezug auf die lutherischen Bekenntnisschriften und das queere Paar, das vor dem Altar das "bis dass der Tod uns scheidet" spricht, während der Freundeskreis die Lebensabschnittsbeziehung für die letzte Form der Verbindlichkeit hält? Der Bischof, der aus dem Geschlecht Jesu den Einwand gegen das Diakonat der Frau abliest, oder die bibeltreue Christin, die sich aus dieser Treue heraus für mehr ökologische Innovationsbereitschaft einsetzt, weil sie für künftige Generationen mitdenken kann? Oder sind es die, die das Abendland zu retten glauben, indem sie Menschen anderer Hautfarbe jagen? Was ist das Althergebrachte, das es zu verteidigen gilt? Und was ist das für ein Konservatismus, der den Umsturz der Verhältnisse will, mit Verachtung von "Altparteien" redet und eine Ordnung herbeibeschwört, die mit der gegebenen Verfassungsordnung nur noch wenig zu tun hat?

Kaum ein Leitwort der gegenwärtigen politischen, gesellschaftlichen und kirchlichen Debatten ist so präsent und gleichzeitig so missverständlich wie die Rede vom "Konservativen": als Kampfbegriff und Schimpfwort, als Programmschrift ohne Programm, als Etikett der Selbstanmaßung. Der Vorschlag, auf seinen Gebrauch künftig zu verzichten, führt allerdings nur dazu, denen die Deutungshoheit über das Konservative zu überlassen, denen es um das Gegenteil geht: eine autoritäre Ordnung, die die bestehenden Verhältnisse auf den Kopf stellen will, die Verunsicherung und Chaos den Vorzug gibt, wenn es den eigenen Interessen dient.

Denn das größte Missverständnis des Konservativen ist der reaktionäre Traum von einer Vergangenheit, die es nie gegeben hat, im Programm einer Retropie. Dieses Missverständnis begleitet die Idee des Konservativen seit seiner Entstehung. Das mag daran liegen, dass das Konservative als Denkstil selbst Teil geschichtlicher Prozesse ist. Das Konservative als geistige Bewegung beginnt als Reflexion auf eine große geistige und politische Disruption, die Französische Revolution. Aus dieser Zeit stammt im Übrigen das Rechts-links-Schema des politischen Denkens, das auch das kirchliche Lager bis heute strukturiert. So gibt es nicht nur rechte und linke Parteien, sondern auch "Rechtskatholiken" und "Linksevangelikale". Alles andere spielt sich in der Mitte ab, in diesem ominösen Raum, der als riesige Fläche und als kleines Loch gedacht werden kann. Für Edmund Burke ist das der Raum für das Konservative. Dieses Modell ist allerdings eine Falle, aus der der Sortierungswille nicht mehr herauszukommen scheint, obwohl viele dieses Schema für überkommen halten. Doch solange die Übernahme des Begriffs durch Kräfte droht, die in Wahrheit Umsturzträume nähren, lohnt es sich, daran zu erinnern, dass der Konservatismus weniger ein inhaltliches Programm oder ein Themensetting denn ein Denkstil des Umgangs mit rasanten Veränderungen verbunden mit großer innerer und äußerer Unsicherheit ist – eigentlich der Denkstil der Stunde.

Dazu braucht es einen Blick auf die Anfänge des konservativen Denkens. Der berühmteste Denker des Konservativen, Edmund Burke, irisch-britischer Schriftsteller, Philosoph und Politiker, ist nämlich gerade kein reaktionärer Apologet des Verlorenen. Er will die Zeit nicht zurückdrehen. Er fragt nur: Wie können geistige Radikalisierung und realer Terror, Instabilität und Gewalt in harten Umbrüchen verhindert werden? Das Konservative ist für ihn nicht die Angst oder gar der Unwille zur Veränderung, sondern die Frage nach den Kriterien, mit denen diese Veränderungen beurteilt und gestaltet werden. Er kehrt gegenüber dem Furor der Revolutionäre und ihren säkularen Heilsversprechen die Beweislast um: Das Neue muss argumentativ und praktisch beweisen, dass es Besserung, Linderung und mehr Menschenzuträgliches schafft. Konservative wissen: Traditionen und vermeintlich oder wirklich Überkommenes lassen sich schnell zerstören, aber nur selten wieder instand setzen.

Deshalb ist gründliches Zögern nicht Ausdruck von Feigheit oder mangelnder Einbildungskraft, sondern von gesammelter Erfahrung. Konservative sind Bedenkenträger. Diese Bedenken dürfen aber nicht mit Denkfaulheit oder schlimmer: mit Ressentiments gegenüber dem noch Unbekannten verwechselt werden. Der nüchterne Blick taxiert zu einfache Lösungen ebenso wie maßlose Steuerungsfantasien.

Gründliches Zögern ist nicht Ausdruck von Feigheit, sondern von gesammelter Erfahrung.

Konservative im Sinne ihrer anspruchsvollen Vordenker erliegen nicht dem Präsentismus. Sie denken in großen Zeitläuften und achten auf Kontexte und ihre Geschichte. Deshalb interessieren sie die Vorgeschichte eines So-oder-so-Gewordenen und die Folgen von Entscheidungen und Veränderungen für die Zukunft der nächsten Generationen. "Nachhaltigkeit" ist ein herausgehobenes Kennzeichen konservativen Denkens. "Nach uns die Sintflut"? Ein unerhörter Satz.

Die Intuitionen Konservativer sind auch durch ihr Menschenbild bestimmt, das der geistige Urenkel Burkes, der protestantische Philosoph Hermann Lübbe, einmal mit "heiterer Skepsis" umschreibt. Die Konfession des Denkers bringt dieser selbst ins Spiel. Denn sein Bild des Menschen leitet er aus der christlichen Einsicht in die generelle Zweideutigkeit alles Menschlichen ab: seine Fähigkeit zu Großem und zu Schrecklichem, zu gnadenlosem Eigennutz und selbstloser Liebe, zu Mut und Feigheit, seine Neigung zur Unterwerfung und seine Fähigkeit zum Widerstand dagegen. In der Tradition des liberalen Konservatismus ist dem Menschen alles zuzutrauen.