Es war ein wuchtiger Aufschlag bei der Münchner Sicherheitskonferenz 2014, als gleich drei deutsche Spitzenpolitiker unisono eine entschlossenere außenpolitische Rolle und ein stärkeres militärisches Engagement Deutschlands einforderten. Ganz so massiv wird der Auftritt der entmachteten CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer beim diesjährigen Treffen der sicherheitspolitischen Community am Wochenende sicher nicht ausfallen.

Und doch erinnert das Eintreten der Verteidigungsministerin für eine stärkere Rolle der Bundeswehr in der Welt an den Vorstoß, den Joachim Gauck, Frank-Walter Steinmeier und Ursula von der Leyen vor sechs Jahren unternommen haben.

Dabei hat die Bundesregierung gerade einen prominenten Versuch gestartet, außenpolitische Verantwortung zu übernehmen. Allerdings geht es bei ihrer Libyen-Initiative gerade nicht um eine militärische Intervention, sondern darum, die desaströsen Folgen einer solchen Intervention mit den Mitteln der Diplomatie einzudämmen. Dem Nato-Einsatz im März 2011, der ein Massaker im libyschen Bengasi verhindern sollte, hatte sich Angela Merkel damals verweigert. Die Deutschen stehlen sich aus der Verantwortung, sie lassen ihre Bündnispartner im Stich, sie manövrieren sich in die Isolation – so lautete damals, auch in der ZEIT, der Tenor der Kritik.

Angesichts der katastrophalen Zustände, die neun Jahre nach dem gewaltsamen Sturz des Diktators Muammar al-Gaddafi in Libyen noch immer herrschen, erscheint die deutsche Skepsis heute in einem anderen Licht. Die moralische Gewissheit, mit der Einwände beiseitegewischt und Zurückhaltung als Drückebergerei diskreditiert wurden, erscheint nicht länger angebracht. Auch dann nicht, wenn flagrante Menschenrechtsverletzungen oder absehbare Massaker an der Zivilbevölkerung den Einsatz militärischer Gewalt geboten erscheinen lassen. Denn nicht nur ein verlogen begründeter Angriffskrieg, wie 2003 im Irak, sondern auch eine in erster Linie humanitär motivierte Intervention, wie in Libyen, kann ins Desaster führen.

Seit dem Ende des Kalten Krieges gerät die deutsche Tradition militärischer Zurückhaltung, die auf den Erfahrungen des Nationalsozialismus gründet, in Widerspruch zu den Herausforderungen des weltpolitischen Umbruchs. Wie dramatisch die Erwartungen an die Bundesrepublik stiegen, zeigte sich bereits unmittelbar nach der Wiedervereinigung im Herbst 1990, als Helmut Kohl die Deutschen nur mit einer horrenden Summe von der Teilnahme am ersten Irak-Krieg freikaufen konnte. Seither gerät die Republik gegenüber ihren militärisch weniger skrupulösen Bündnispartnern regelmäßig in die Defensive.

Dabei wusste Bundeskanzler Helmut Kohl ebenso wie sein Nachfolger Gerhard Schröder, dass sich das Land, das jahrzehntelang vom Schutzschirm der Nato profitiert hatte, nicht länger auf seine eingeschränkte militärische Rolle zurückziehen konnte. Im Zuge des jugoslawischen Bürgerkrieges Anfang der Neunzigerjahre, dem nach jüngeren Schätzungen etwa 100.000 Menschen zum Opfer fielen, ließ sich die Tradition militärischer Abstinenz dann nicht länger aufrechterhalten. Dass damals ausgerechnet die Grünen, als Partei der Friedensbewegung, über den legitimen Einsatz militärischer Gegenmaßnahmen zu streiten begannen, markierte für die Bundesrepublik einen politisch-mentalen Wendepunkt.

Die Luftangriffe der Nato auf serbische Stellungen in Bosnien erschienen dann auch wie das Exempel einer legitimen und erfolgreichen Intervention. Sie erzwang im Herbst 1995 eine diplomatische Konfliktlösung, die zuvor nicht erreichbar gewesen war. Danach kamen erstmals auch bewaffnete Bundeswehrsoldaten zum Einsatz, um den prekären Frieden zu sichern.