Früher war nicht alles besser – etwa Zähnebohren ohne Betäubung. Doch eine Träne darf man der legendären "Wehrkundetagung" nachweinen, die seit 2008 unmartialisch "Münchner Sicherheitskonferenz" heißt. Die findet nicht mehr im Regina Hotel statt, das gleichzeitig als Münchner Faschingshochburg diente. In den Sechzigern konnte man sich an der Bar vom Disput erholen. Ein US-Professor fand sogar eine neue Freundin: "Hey, du hast dich als Amerikaner verkleidet, toll!" Denn zu kurz waren Haarschnitt und Hose. Heute gibt es keine textilen Unterschiede. Die Tracht reicht bei allen Angereisten von Adidas bis Armani.

Die "Siko", die an diesem Wochenende in ihre 56. Runde geht, ist auch kein westliches Familientreffen mehr, wo man sich leiden- und freundschaftlich streiten durfte. Jetzt heißt es "global total", inklusive Russen und Chinesen. Aus 50, 60 sind 450 geworden, nebst 1200 Journalisten. Die Profis aus den Unis und Thinktanks sind die Minderheit; unaufhaltsam steigt der Promi-Faktor. Erwartet werden Dutzende von Regierungs- und Ressortchefs: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der US-Vizepräsident Mike Pence und Außenminister Mike Pompeo. Ebenso ihre deutschen und europäischen Pendants.

Es herrscht das Davos-Prinzip. Auch das Weltwirtschaftsforum fing einst klein an – mit 30 Fachleuten, die sich im Schnee die Köpfe heißredeten. Heute ist es ein Zirkus von Tausenden, wo in sorgfältig abgeschliffenen Reden der Davos-Konsens gefeiert wird (dieses Jahr Klima mit Jung Greta). Oder Offizielles verlautbart wird.

Hier waltet ein eisernes Gesetz: Was erfolgreich ist, dehnt sich unaufhörlich aus. Freilich muss es nett bleiben. Schier unvorstellbar wäre heute der Showdown zwischen Pentagonchef Donald Rumsfeld und Außenminister Joschka Fischer anno 2003. Kurz vor Ausbruch des Irakkrieges versuchte damals Rumsfeld die Deutschen mit allerlei Argumenten über Saddam Husseins Gefährlichkeit in die Koalition zu ziehen. Erregt rief Fischer in den Saal: "Excuse me, I am not convinced!"

Ein solcher Familienkrach würde heute auf offener Bühne nicht mehr ausgetragen werden – schon weil der Nato-Clan zerfasert und nicht mehr Angelpunkt der Diskussion ist. Stattdessen rückt die Wirtschaft vor, wie das Aufgebot zeigt: Airbus, BMW, Bayer, Linde auf deutscher Seite; Goldman, Microsoft und Facebook auf amerikanischer – mitsamt Mark Zuckerberg und großem Gefolge. So es denn Krach gibt, dann in einer abgeschirmten Hotelsuite.

Dass das Kerngeschäft – die Sicherheit – als Thema in München verblasst, mag ein Indiz zeigen: Früher versammelte sich verlässlich eine Gegenkonferenz jenseits der Absperrung auf dem Marienplatz, um wider die "Kriegstreiber" zu protestieren. Diesmal zog sie sich zurück. Angesichts der wachsenden Konzernpräsenz kommt 2021 bestimmt eine Antikapitalismusdemo.

Die Nachfrage wandelt sich, die Organisationen müssen sich anpassen und dürfen niemanden verprellen; sonst kommt womöglich Präsident X oder Y im nächsten Jahr nicht. Die Reden werden gesittet sein. Spontane Fragen weichen bekritzelten Karteikarten, welche die Gäste im Konferenzsaal einreichen. Es regiert die "Davosifizierung". Und es wächst der Konkurrenz-Anreiz.

Wie oft hört man: "Lasst uns ein kleines Davos, eine neue, intime Siko gründen." Das funktioniert nicht, weil auch auf dem Konferenzmarkt die Regel "winner takes all" gilt. Wer will schon an einer Mini-Siko in Hinterzarten teilnehmen? Nur die Nummer eins gewährt den großen Auftritt nebst medialer Aufmerksamkeit. Deshalb, trotz berechtigter Anflüge von Nostalgie: Davos und Siko forever – mit noch mehr Gästen.