Kampf gegen die Neue Rechte? Auf die Konservativen kommt es an! – Seite 1

Was kann man tun, um den Triumphzug der neuen Rechten zu stoppen? Hilft es, mit Marx- und Engelszungen auf ihre Führer einzureden und zu hoffen, dass die "Berserker" zur Besinnung kommen?

Der berühmte Schriftsteller, der den Kampf gegen den aufkommenden Faschismus aufgenommen hatte, glaubte nicht daran. Er war mit dem rechten Weltbild bestens vertraut, denn schließlich hatte er es in seinen Betrachtungen eines Unpolitischen eigenhändig unter die Leute gebracht – die Wut auf den Westen, die Verachtung der "undeutschen" Demokratie, kurz: das volle Programm.

Doch längst hatte Thomas Mann, um den handelt es sich, der rechten Sache abgeschworen und war zum glühenden Verteidiger der Weimarer Republik geworden. Anlass zur Panik gab es genug. In Thüringen hatten am 23. Januar 1930 bürgerliche Parteien den Nationalsozialisten zur Macht verholfen (ZEIT Nr. 9/00), und aus den Reichstagswahlen im September waren die Nazis als zweitstärkste Fraktion hervorgegangen. Die Gefahr war mit Händen zu greifen, und darum gab es für Mann nur einen Ausweg: Man musste den Teufelspakt zwischen Bürgertum und Nazis unbedingt verhindern. Denn die Nationalsozialisten waren keine Konservativen, sondern Revolutionäre. Keine Bündnispartner, sondern Gegner. Sie würden das Vaterland nicht retten, sie würden es in den Untergang treiben.

Im Oktober 1930 reiste der Literaturnobelpreisträger nach Berlin und redete in seiner "Deutschen Ansprache" dem Bürgertum ins Gewissen: Wer die Republik retten wolle, müsse über seinen Schatten springen und die Sozialdemokraten unterstützen. Im Publikum entstand ein Tumult, einige Zuhörer, unter ihnen die Schriftsteller Ernst und Friedrich Georg Jünger, beschimpften Thomas Mann als "Verräter". Wie sich später herausstellte, hatte Joseph Goebbels vorher die Strippen gezogen und zur Verstärkung 20 SA-Männer in den Beethovensaal abkommandiert. Die Truppe kam als Bürger verkleidet, den Smoking hatten sie sich geliehen.

Keine Frage, aktualisierende Vergleiche verbieten sich, denn in Deutschland herrschen keine Weimarer Verhältnisse. Dennoch lässt sich gerade in den neuen Bundesländern ein ungebrochenes Verlangen nach dem zeitlos Konservativen beobachten, eine mitunter militante Sehnsucht nach Stabilität jenseits einer aufgewühlten, verwirrend komplexen Gegenwart. Das ist Nährstoff für die Rechten. Während andere von "blühenden Landschaften" schwärmten, hatten sie früh erkannt, welche Phantomschmerzen nach dem Untergang des Sozialismus entstehen würden und wie gut sich diese politisch ausbeuten lassen. Deshalb versuchen Rechte mit allen Mitteln den Brückenschlag ins christdemokratische Lager – in der Hoffnung, dass die Konservativen jene Lektion vergessen, die sie sich nach 1945 selbst erteilt hatten: die kristallklare und unmissverständliche Abgrenzung nach rechts. Denn obwohl er unterirdische Verbindungen zu reaktionären Milieus pflegte, zum Beispiel zu gewissen Weikersheimer Kreisen; obwohl er ehemalige Nazis in seinen Reihen duldete und immer wieder von rechter Kulturkritik fasziniert war – der Nachkriegskonservativismus hatte die antidemokratischen Bastionen geräumt und seinen Frieden gemacht mit der Moderne, mit Kapitalismus und Gewaltenteilung.

Auch wenn einige Zeit ins Land ging, so haben CDU, CSU und ihre mitfühlenden publizistischen Kohorten inzwischen begriffen, aus welchen ideologischen Quellen die AfD ihr täglich Gift bezieht. Nur die Werteunion will davon nichts wissen, und einigen Parteifreunden im Osten scheint das Gift sogar recht gut zu schmecken. Dabei ist die AfD keine Geheimorganisation, im Gegenteil. Vor allem ihr völkischer Flügel ist von enthemmter Aufrichtigkeit, und niemand kann sagen, er habe von nichts gewusst. Die geistigen Frontleute der AfD sind pedantische Buchhalter; brav schreiben sie ihre Ideen auf und stellen sie artig ins Netz. Ihr Weltbild ist von aggressiver Klarheit, und wie von Thomas Mann beschrieben dient die ungefragte Betonung des "Bürgerlichen" nur als Flecktarn für ein revolutionäres Projekt. Dieses Projekt findet seinen Niederschlag in drei Formeln, und sie lauten: "Die Wende vollenden". "Nie zweimal in denselben Fluss!" Und: Deutschland ist die "DDR 2.0".

Das klingt bizarr, denn was soll die Bundesrepublik mit einer Diktatur gemein haben? Tatsächlich ist der Vergleich für die AfD zwingend, denn in ihren Augen handelt es sich beim wiedervereinigten Deutschland nicht um das echte und wahre Deutschland, sondern nur um ein unechtes, eine Art Scheindeutschland, kurz: um die nach Osten ausgedehnte und aus dem Universalbaukasten der Siegermächte zusammengeschraubte alte Bundesrepublik. Hinzu kommt, dass BRD und DDR aus rechter Sicht eine gemeinsame Herkunft teilen, denn die beiden sind Ausgeburten einer verfehlten Moderne, die sich im frühen 20. Jahrhundert in die feindlichen Zwillinge Kapitalismus und Kommunismus aufgespalten und bis aufs Messer bekämpft hatten. Nach dem Ende des Nationalsozialismus, dieses "Vogelschisses in über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte" (Alexander Gauland), nahmen die Weltmächte Deutschland als Geisel und verhinderten die Rückkehr ins Eigene der "selbstbewussten Nation".

Resakralisierung des Staates lautet das neurechte Programm

Folgt man der rechten Weltsicht, dann soll es einen entscheidenden Unterschied zwischen BRD und DDR allerdings gegeben haben: Während in den poetischen Widerstandsnestern des kommunistischen Ostens, sozusagen in Tellkamps Turm, die Überreste von Deutschsein, Deutschdenken und Deutschfühlen überwintern durften, sei die Bundesrepublik dem dekadenten Liberalismus vollständig anheimgefallen. Die Westdeutschen, so sah es die Rechte schon immer, schrumpften zu Mainzelmännchen im Vorgarten Amerikas, betört von der transatlantischen Konsumreligion, dem Opium fürs besiegte Volk. Nur das Herzland im Osten erlöst den kulturlosen Westen, und darum sind alle Echtdeutschen in den "kolonisierten" neuen Bundesländern aufgerufen, in einer nachholenden "Revolution mit dem Stimmzettel" die Wende zu vollenden. "Wir holen uns unser Land zurück!"

"Wende vollenden"? Für ungeübte Ohren klingt das verrückt, aber im Schrifttum AfD-naher Verlage ist das die übliche Marschmelodie. Sie suggeriert, dass nach dem Fall der Mauer die Zeitenwende mit Absicht hintertrieben wurde: Anstatt 1989 die Gunst der Stunde zu nutzen, anstatt die trostlos herunterdemokratisierte Westgesellschaft durch eine urdeutsche Rang- und Volksgemeinschaft abzulösen, exportierten die Eliten den undeutschen Status quo. So kamen die Freigelassenen der DDR vom Regen in die Traufe. Sie hatten auf eine neue deutsche Volksgemeinschaft gehofft und stattdessen eine "links-grün versiffte" Westgesellschaft bekommen. Zweimal mussten die letzten Deutschen in denselben Fluss steigen, in den Fluss der verabscheuten Moderne. Wie lautet der Titel eines Interviewbuches von Björn Höcke? Nie zweimal in denselben Fluss.

Die intellektuelle Nachkriegsrechte hat sich stets davor gehütet, die Überwindung des Liberalismus aktiv zu betreiben; ihre Weimarer Vorbilder waren moralisch diskreditiert. Deshalb sollte der ersehnte Bruch mit der Moderne, so spekulierte zum Beispiel Ernst Jünger, diesmal nicht von eigener Hand, sondern von anonymen geschichtlichen Mächten ins Werk gesetzt werden, begleitet von reichlich anschwellendem Bocksgesang.

Das hat sich inzwischen geändert. Nach ihrem erfolgreichen Ostfeldzug scheint die völkische Rechte heute fest entschlossen, der deutschen Wiedergeburt tatkräftig nachzuhelfen. "Ein paar Korrekturen und Reförmchen", erklärt Björn Höcke, "werden nicht ausreichen. Aber die Unbedingtheit wird der Garant dafür sein, dass wir die Sache gründlich und grundsätzlich anpacken werden. Wenn einmal die Wendezeit gekommen ist, dann machen wir Deutschen keine halben Sachen, dann werden die Schutthalden der Moderne beseitigt." Auch sein Parteikollege Andreas Kalbitz beteuert glaubhaft: "Wir sind die Götterdämmerung dieses globalisierten Multikulturalismus! ... Wir kriegen den Flieger voll mit den Claudia Roths und Cem Özdemirs!"

Wie Höcke, so verspricht auch das ehemalige CDU-Mitglied Alexander Gauland, im Fall eines Machtwechsels keine halben Sachen zu machen. In seinem berüchtigten FAZ-Interview forderte der habituelle Musterbürger eine Kernsanierung der Republik; nicht nur Merkel müsse verschwinden, sondern das gesamte politische System müsse durch eine "friedliche Revolution" gesäubert werden: "insofern muss mehr weg als nur die Bundeskanzlerin". Gauland entwendet der ostdeutschen Bürgerrechtsbewegung die befreiende Parole und insinuiert wie Höcke eine Parallele zur DDR: So wie 1989 das Volk die Kommunisten verjagt habe, so müsse das Volk heute die regierende Klasse verjagen. Nichts vom "System Merkel" dürfe fortbestehen, weder bei "Leuten aus anderen Parteien" noch bei denen aus den Medien. "Die möchte ich aus der Verantwortung vertreiben."

Was nach der friedlichen Säuberung kommt, liegt allerdings noch im Nebel. Ein paar Stichworte findet man bei Marc Jongen, dem kulturpolitischen Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion. Er kennt sich gut aus mit der Weimarer Rechtsintelligenz, vor allem mit den Ideen des Philosophen Leopold Ziegler, und schon von daher ist es ihm eine echte "Freude, die Entsiffung des Kulturbetriebs in Angriff zu nehmen". Hilfreich zur Seite steht ihm dabei ein spezielles Verständnis der Religion und des "Gestaltwandels der Götter". Dieser Wandel hat es an sich, dass die religiösen Energien manchmal aus der Welt verschwinden und sie kalt und leer zurücklassen. Deshalb, sagt Jongen durch die Blume, müsse die Welt durch einen politischen Akt neu verzaubert und wieder in ein religiöses Licht getaucht werden. Jongen meint mit seiner "Religion zweiter Ordnung" nicht die Wiederverzauberung der deutschen Autobahn, er meint den deutschen Staat und seine Institutionen.

Resakralisierung des Staates lautet das neurechte Programm, und welche Konsequenzen es hat, kann man in Ungarn studieren. Auch Viktor Orbán, der ungarische Ministerpräsident, feiert den Staat als heilige Größe, und kein Gericht, kein Journalist, kein aufsässiger Künstler darf von ihm Rechenschaft verlangen, ihn angreifen oder gar kontrollieren wollen. Der heilige Staat bestimmt, wer Freund ist und wer Feind, und der Feind ist immer die Linke, die sich weigert, ihm das Zepter zu küssen. Die AfD lässt keinen Zweifel daran, dass Viktor Orbán auf dem richtigen Weg ist.

Wenn nicht alles täuscht, dann zerlegen sich unter dem Druck der Globalisierung nach den sozialdemokratischen nun auch die konservativen Parteien. In der Stunde der Entscheidung kann es ihnen nicht schaden, noch einmal Thomas Mann zu lesen und sich zu fragen, wer ihr Bündnispartner ist und wer ihr Gegner.