Saschas Krieg – Seite 1

Sascha* lacht, Sascha plappert, Sascha hebt seine Frau Darina hoch, Sascha kippt Wein im Plastikbecher runter. Sascha könnte ein ganz gewöhnlicher junger Mann auf einer Party sein, mit seinem Schwips und seiner überdrehten Laune. Nur findet diese Feier am Grab seines Freundes Schenja statt.

Schenja, der ein Jahr jünger war als Sascha. Der weiche Wangen hatte. Schenja mit dem ansteckenden Humor, der zwei Anekdoten pro Minute erzählen konnte und seine Oma mit dem Runzelgesicht liebte. Schenja, der immer hart gearbeitet hat. Der keinen Muttertag vergaß. Schenja, der Mode mochte und Musik. Schenja, der bald heiraten wollte.

Sascha, 29 Jahre alt, hochgewachsen und schlaksig, reißt Witze, seine jungenhafte Stimme überschlägt sich. Neben ihm stehen Schenjas älterer Bruder, die Mutter, die Tante, die Verlobte. Auf der Bank neben dem Grab sitzt seit Stunden die 82-jährige Oma mit Kopftuch und Gehstock, vor sich einen gedeckten Tisch mit geviertelten Tomaten, Frikadellen, Pfannkuchen und etwas Wodka.

In der Woche nach Ostern, so sieht es der orthodoxe Glaube vor, gedenken die Lebenden der Toten. Dann gleicht der Friedhof Jazewo einem wuseligen Markt. Es ist Anfang Mai 2019, Tische werden gedeckt, Gräber geschrubbt und mit Blumen geschmückt, Wodkagläser geleert. Weit hinten, an der kleinen, neu gebauten Kapelle, hat sich eine besondere Schicksalsgemeinschaft der Trauernden zusammengefunden. Sie weinen um ihre Kinder, die im Krieg umkamen. Der Militärkaplan, gerade erst von der Front zurück, hält den Gottesdienst, ein Vater spricht ein paar Worte, Soldaten halten die Bilder der Verstorbenen in der Hand. Mütter wischen sich die Tränen aus den Augen. Ein Politiker aus der Gegend sagt: "Diese Männer haben mit ihrem Blut die Geschichte der heutigen Ukraine geschrieben."

Über den Gräbern peitschen ukrainische Fahnen im Wind. Dann werden Geschichten erzählt, wird erinnert. Sascha hebt das Glas auf seinen Freund. Er wird zu viel trinken an diesem Tag. Weil da der Schmerz ist. Und ein nagendes Gefühl, das ihn nicht loslässt. Sascha hat geheiratet, Schenja nicht. Sascha ist Vater geworden, Schenja nicht. Sascha ist mit dem Leben davongekommen. Schenja nicht.

Wenn sich an diesem Samstag das Minsker Abkommen zum fünften Mal jährt, ein Vertragswerk, das die Ostukraine befrieden sollte, ausgehandelt von Deutschen, Franzosen, Russen und Ukrainern, dann dürften die meisten Europäer längst vergessen haben, dass dieser Krieg in der Ostukraine bislang 30.000 Menschen verwundet und mehr als 13.000 getötet hat. Neue Unglücksmeldungen mögen den Krieg aus den Schlagzeilen verdrängt haben, Flugzeugabschuss im Iran, Coronavirus, Brexit – aber vorbei ist er noch nicht.

Der 29-jährige Sascha an der Front in der Ostukraine © Sebastian Bolesch für DIE ZEIT

Und er lässt Sascha und seine Familie nicht los. Seit der Begegnung Anfang Mai werden wir wieder und wieder Sascha und Darina treffen. Werden in ihrer Heimatstadt Tschernihiw im Norden der Ukraine, nahe Tschernobyl, über den Krieg reden und darüber, wie er sie verändert hat. Werden Genehmigungen beim ukrainischen Verteidigungsministerium beantragen, Kasernen besuchen, zur Front aufbrechen. Wenn diese Zeilen erscheinen, schläft Sascha, 785 Kilometer von seiner Familie entfernt, in einem unterirdischen Verschlag und hofft, bald nach Hause zu kommen.

75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, 31 Jahre nachdem Ukrainer im sowjetischen Afghanistankrieg gekämpft haben, werden auf dem Friedhof Jazewo in Tschernihiw wieder Gefallene beigesetzt: 52 Grabsteine für Soldaten, über jedem weht die gelb-blaue Fahne der Ukraine. Sascha kennt viele, die hier begraben sind. Vor ihm das Grab von Schenja, der einen Kilometer von Saschas Stellung entfernt bei Debalzewe verblutete. Hinten links, Sascha zeigt in die Richtung, liegt Wowa. Als Sascha mit ihm in einem Haus unter Beschuss festsaß, wurde Sascha schwer verwundet – Wowa starb. Ganz rechts, wo die Erde noch frisch aufgehäuft ist, begruben sie Kolja, "hat sich erschossen". Bald schon werden hier neue Gräber ausgehoben werden, werden noch mehr gelb-blaue Fahnen wehen. Überall im Land sind solche Alleen der Helden entstanden, als könnte patriotischer Ruhm die Verzweiflung der Angehörigen lindern. Aber selbst wer am Ende zum Helden wird, ist am Anfang ein Opfer in diesem unerklärten Krieg, der in sein sechstes Jahr geht.

(*Aus Sicherheitsgründen verzichten wir darauf, die Nachnamen der Hauptpersonen in diesem Artikel zu nennen)

"Ein Teil von ihm ist dort gestorben"

Der Vertrag von Minsk enthält 13 Punkte und eine grobe Unwahrheit. Denn in diesem Dokument, das Angela Merkel und der damalige französische Staatschef François Hollande im Februar 2015 mit dem ukrainischen und dem russischen Präsidenten ausgehandelt haben, kommt Russlands Präsident Wladimir Putin gar nicht als Akteur vor. Mit dem Krieg in der Ukraine, den das Abkommen beenden sollte, hat er scheinbar nichts zu tun. Putin steht nicht als Kriegsherr da, der Soldaten und Waffen schickt, sondern als Vermittler. Wenn aber eine Kriegspartei vorgibt, Vermittler zu sein und ein Krieg nicht erklärt wird – wann gilt ein solcher Krieg als gewonnen, wann als verloren? Wann als beendet?

Tausende ukrainische Soldaten kämpften damals, Ende Januar 2015, bei der strategisch wichtigen Stadt Debalzewe und wurden langsam eingekesselt, darunter Saschas 13. Bataillon. Die Schlinge zog sich immer mehr zu, Schenja starb, auch viele andere wurden getötet. Die Zeit drängte, ein Massaker drohte. Um dieses abzuwenden, ließen sich die Europäer und die Ukrainer auf zwei folgenreiche Kompromisse ein. Erstens war da der Bruch: Als die Waffen schon ruhen sollten, nahmen russische Soldaten mit ihren Schützlingen Debalzewe ein. Zweitens half das Abkommen ungewollt dabei, eine Lüge zu verfestigen. Die Lüge, dass der Krieg in der Ostukraine, an dem Russland beteiligt ist, kein richtiger Krieg zwischen zwei Staaten sei.

Die Russen nennen ihn einen ukrainischen Bürgerkrieg, die Europäer bezeichnen ihn als Konflikt oder Krise. Selbst in der Ukraine sucht man in offiziellen Dokumenten vergeblich nach dem K-Wort. "ATO" hieß bis vor Kurzem der Krieg in der Sprache ukrainischer Bürokraten, Anti-Terror-Operation. Erst vor zwei Jahren hat sich das ukrainische Parlament durchgerungen, Russland in einem Gesetz als Aggressor, als Besatzer zu bezeichnen. Die ukrainischen Soldaten, die dort kämpfen, werden bis heute Atoschniki genannt.

Für Sascha ist der Krieg keine Operation und keine Krise. Er ist nicht abstrakt, sondern nah und brutal. Sascha und Schenja kannten sich von klein auf. Sind in derselben Straße groß geworden und in dieselbe Schule gegangen, haben sich im selben Monat bei der Armee verpflichten lassen und im selben Tschernihiwer Bataillon gedient. Wurden im Krieg zu richtigen Freunden. Auch ihre Mütter und ihre Frauen kamen sich näher.

Damals, 2014, als der Krieg begann, fehlte es an allem in der ukrainischen Armee. Die Frauen sammelten Schuhe, Süßigkeiten, Schlafsäcke, Klopapier und brachten alles an die Front. Kehrten die Männer von ihrem Einsatz heim, gingen sie alle zusammen aus, ließen den Krieg hinter sich. Bis der Krieg sie wieder einholte.

Seit Schenjas Tod, sagt Sascha, fühle er nichts mehr. Seit Schenjas Tod, sagt Darina, habe Sascha einen Teil seiner Seele in der ATO gelassen: "Ein Teil von ihm ist dort gestorben."

In seinen Ohren pfeift und dröhnt es. "Ich habe keine Stille mehr im Kopf", sagt Sascha. Sich zu konzentrieren fällt ihm schwer. Reizbar sei er geworden und verschlossener, sagt Darina. Habe viel von seiner Fröhlichkeit verloren. Sascha hat ein verschmitztes Lächeln, einen feinsinnigen Humor. Er liebt es, Pointen abzufeuern. Nur sind die Pointen seltener geworden. Und wenn sie doch kommen, dann schmecken sie bitter. Über die Verdienstkreuze und Medaillen, die er bekommen hat, spottet er in Reimen. "Diene, du Dummchen, dann gibt’s auch ein Belöhnchen."

Darina sagt: "Das ist nicht mehr der Mann, den ich geheiratet habe." Manchmal komme die alte Leichtigkeit noch durch. Wenn Sascha mit den beiden Söhnen spiele, von denen der jüngere zur Welt kam, als Sascha schon Soldat war. Wenn sie toben, wenn sie im Urlaub am Schwarzen Meer sind.

"2014 waren alle bereit, loszuziehen"

Saschas Frau Darina zog mit in den Krieg, irgendwie. © Sebastian Bolesch für DIE ZEIT

Als Sascha in den Krieg zog, zog Darina mit, auf ihre Art. Sie blockierte mit anderen Frauen eine Straße in ihrer Heimatstadt Tschernihiw, als ihre Männer nach Monaten an der Front abgezogen werden sollten, aber die Ablösung ausblieb. Sie suchte Schenjas Leichnam in den Leichenschauhäusern, als der verschwunden war. Auf ihrem Laptop sammelte sie die Fotos verstümmelter Soldaten, die sie zu identifizieren half. Als ihr in dem Kriegschaos um Debalzewe niemand sagen konnte, wo Sascha ist und ob er noch lebt, rief sie im Verteidigungsministerium an. Eine Antwort bekam sie auch dort nicht. Dann fuhr sie selbst an die Front.

Sascha kann sich nicht immer an alles erinnern, Darina schon. An den Ort, wo Sascha zum ersten Mal unter Beschuss geriet. An das Datum, als Sascha schwer verwundet wurde. An den Namen des Fahrers, der Sascha auf Darinas Flehen hin bei Debalzewe rausholte. Sascha steckte mit hohem Fieber ohne warme Kleidung, ohne Matratze, ohne Decke in einer Kohlemine unter Beschuss fest. Darina ist zur Kartografin von Saschas Schmerz geworden.

Es ist schwer zu sagen, warum Sascha überhaupt in diesen Krieg zog. Die einfache Antwort lautet: weil er im April 2014 einen Einberufungsbefehl erhielt. Diese Antwort ist nicht falsch, aber sie ist auch nicht ganz wahr. Spricht man mit Psychologen, die Veteranen betreuen, dann wird klar: Wer nicht in die Armee wollte, konnte Auswege finden. Konnte Atteste kaufen. Konnte sich freikaufen. Die Einberufungsbefehle aussitzen. Konnte sich absetzen. Fragt man Sascha, was ihn dazu trieb, sich doch zu melden, wird er noch wortkarger als sonst. Damals wollten viele dienen. Aus Pflichtgefühl. Aus Patriotismus, der damals die Ukraine erfasste, weil das Land angegriffen wurde.

Sascha: "2014 waren alle bereit, loszuziehen." Doch es fehlte an Uniformen, Schutzwesten, Stiefeln, Panzern, Essen. "Wir hatten nicht mal Waffen, um ordentlich zu kämpfen. Nur Maschinenpistolen."

Darina: "Man holte die Leute von daheim ab, zerrte sie aus ihren Betten, und dann hieß es: Stillgestanden! Die waren nicht vorbereitet. Da waren IT-Spezialisten, Autoverkäufer, Fahrer, Lehrer, ganz normale, gute Leute. Sie hatten keine Ausrüstung, nichts. Wofür das alles?"

Sascha: "Das Gefühl von Patriotismus, das am Anfang herrschte, wurde Stück für Stück zerstört. Bis fast nichts davon übrig blieb."

Damals, 2014 und 2015, konnte man Soldaten im Zug treffen, die gerade auf dem Weg in die gefährlichsten Kämpfe waren, und alles, was sie bei sich hatten, hatten Freunde, Angehörige oder Aktivisten für sie aufgetrieben: die Uniform, kugelsichere Westen, die Stiefel. Aber mit den Jahren ist die Gesellschaft ermüdet von diesem Krieg. Die Armee wurde professioneller, die Unterstützung indes nutzte sich ab. Saschas Freunde, erzählt Darina, hätten fast alle Ähnliches durchgemacht. "Aber sie können sich nicht unterstützen. Dafür braucht der Mensch Energie. Wer das überlebt hat, dem fehlt die Energie." Und Sascha? Meldete sich nach seiner Verwundung wieder zur Front.

Im 20. Stock eines Hochhauses in der Hauptstadt Kiew führt der 31-jährige Artjom stolz durch einen "Veteranen-Hub": riesige Sofas und Kissen, Regale, Kaffeemaschine, Laptops, Büros für Menschen, die zurückkommen aus dem Krieg und vor dem Nichts stehen. An schlechten Tagen fühlt sich Artjom schuldig, dass er nicht in den Krieg gezogen ist. An guten ist er froh, dass er auf seine Art helfen kann. Artjom Denissow ist Militärpsychologe. Zu ihm kommen traumatisierte Veteranen, Verwandte, Verbliebene. Auch die Angehörigen der Gefallenen aus Tschernihiw hat er betreut. Die ukrainische Gesellschaft, sagt Artjom, wolle diesen Krieg nicht wahrhaben.

"Alle haben genug von diesem Krieg"

Artjoms Befund klingt zunächst wie ein Widerspruch. Wie kann eine Gesellschaft einen Krieg nicht wahrhaben wollen, wenn sie Gedenktage abhält, Denkmäler errichtet, Uniformen und Schutzwesten für Soldaten besorgt? Wenn so viele bereit waren, loszuziehen, wie Sascha sagte? Wenn es ein Zentrum wie dieses gibt? Die Gesellschaft, meint Artjom, sei vielleicht darauf vorbereitet gewesen, dass Soldaten in den Krieg gingen – aber nicht darauf, dass sie auch wieder zurückkehren würden. Verletzt, verwundet, traumatisiert. "Die Soldaten gingen zur Front und waren Helden. Dann kehrten sie als Probleme zurück", sagt Artjom. Die Gesellschaft müsste sich laut Artjom einer recht banal klingenden Wahrheit stellen: dass der Krieg nicht nur die Soldaten, sondern auch sie selbst verändere.

Anfang Juli 2019 packt Darina Hühnersuppe und Brot ein und besucht Sascha bei der Arbeit in seiner Kaserne in ihrer Heimatstadt Tschernihiw, weit weg von der Front. Sie geht an der Einberufungsbehörde vorbei, mit der alles begann, und an dem Militärkrankenhaus, in dem Sascha damals verwundet lag. Bis sie die Kaserne erreicht. Sie ist von Büschen, Bäumen und einem hohen Zaun gesäumt, an dem ein Banner hängt: "Die Verteidigung unseres Landes liegt in sicheren Händen".

Sascha schiebt Wachdienst. Vier Stunden strammstehen, acht Stunden Pause. Er mag diese Ordnung. Dass ihm ein Vorgesetzter sagt, was er zu tun hat, wann es Mittagessen gibt, dass er sich rasieren muss, obwohl er lieber Bart trägt. Dass andere ihm abnehmen, die Tage zu füllen. "Manche Menschen mögen schreiben, ich mag es, zu dienen", sagt Sascha.

Er geht mit Darina in das historische Kriegsmuseum nebenan. Erdgeschoss: Zweiter Weltkrieg, die Besatzung durch die Wehrmacht, die Rückeroberung durch die Rote Armee und am Ende auch noch die nukleare Katastrophe von Tschernobyl, unter der seine Familie litt. Erster Stock: Saschas Krieg. Ukrainische Fahnen mit vielen Unterschriften von Soldaten des 13. Bataillons, in dem Sascha mit Schenja diente. Insignien, leere Geschosshülsen, Briefe mit Durchhalteparolen. Sascha geht an einem Glaskasten vorbei, in dem Schenjas Sachen ausgestellt sind: ein Feuerzeug, eine Uhr, eine Kette mit Heiligenbildern. Fotos von Schenja mit seiner Verlobten, mit seinem Dienstwagen, mit Maschinenpistole. Sascha geht ruhig weiter, lässt den Blick über Bilder wandern, zählt Namen auf, Orte, Todesursachen, wie ein Guide, der seine Arbeit erledigt. Dann sieht er sich selbst auf den Fotos, hält inne. Seine Schritte hallen in den leeren Fluren. Eine Museumswärterin schaut auf. "Sind Sie aus dem 13. Bataillon?", fragt sie. Noch während Sascha den Krieg erlebt, wird der schon zur Historie, zu einem Ereignis, das nicht ist, sondern das war.

Eigentlich ist der Krieg ganz nah, von Kiew sind es zehn Stunden bis an die Front. Aber mit den Jahren ist der Krieg in die Ferne gerückt. Manchmal hörten die Eltern von getöteten Soldaten, ihre Kinder seien selbst schuld, in diesen gottverdammten Krieg gezogen zu sein. Dass sie nichts mehr davon wissen wollen. "Alle haben genug von diesem Krieg", sagt Darina. Auch daheim sprechen sie nicht darüber. Ihren Kindern, den Eltern, den Freunden erzählen sie nichts. "Wer den Tod gespürt hat, kann das nicht. Warum die ganze Zeit erinnern?"

Die Traumaforschung weiß, dass ein Mensch, der Fürchterliches erlebt hat, oft zunächst verdrängen muss, um weiterzuleben zu können. Sie sagt aber auch, dass ein Mensch, der verdrängt, nicht loslassen kann.

Gute drei Wochen nachdem Sascha mit Darina durch das Kriegsmuseum gegangen ist, meldet er sich freiwillig bei der ersten Sonderpanzerbrigade, die bald versetzt werden soll. Er will nicht mehr nur Wache in der Hauptstadt schieben. Er erzählt aber niemandem von seinen Plänen, auch Darina nicht. Sascha liebt den Krieg nicht, vermutlich hasst er ihn, aber im Frieden scheint er sich verloren zu fühlen. Vielleicht gehört das zu seinen Widersprüchen, seit der Krieg begann: Witze zu machen über Auszeichnungen, aber in den Krieg zu ziehen. Seine Familie zu lieben, aber fortzumüssen. Den Krieg nicht zu wollen, aber nicht von ihm loszukommen.

Immerhin ist er weit weg von der Front, beruhigt sich Darina. Bei der letzten Rotation bewachte er den Kommandeursstab gut 20, 30 Kilometer von den Kämpfen entfernt.

Doch Darina weiß nicht, dass Sascha den Feind hören kann, wenn der nur laut genug ruft. "Von Sascha bis zur russischen Front sind es nur 200 Meter. Er ist ständiger Bedrohung ausgesetzt", sagt sein Brigadekommandeur. Näher dran am Krieg als Sascha kann man nicht sein.

111 Soldaten wurden im vergangenen Jahr getötet

Es ist Oktober, als wir uns auf den Weg zu Sascha machen. Das letzte kleine Dorf vor der Front ist verlassen. Zäune und Häuserfassaden sind durchsiebt, Hunde und Katzen streunen herum, in einem großen Haus haben Soldaten ihr Lager aufgeschlagen. Auf den Feldern drum herum verrottet die Mais-Ernte, sind die Sonnenblumen längst vertrocknet. Schilder rechts und links warnen vor Minen.

Wo der Weg aufhört, haben sich die Soldaten eingegraben. Sie haben Tarnnetze über ihren Schützenpanzer geworfen und Militärlaster unter ein paar Bäumen geparkt. Eine kleine selbst gebaute Treppe führt hinunter in einen Verschlag im Boden. Es ist dunkel, eine schwache Glühbirne erhellt den Raum, die Luft stockt, es riecht nach müden Menschen, nach Erschöpfung. Acht Stockbetten stehen hier drin. An der Wand hängt eine Ikone, in der Ecke liegen Militärrucksäcke, auf einen hat jemand ein Gedicht geschrieben. Dann kommt Sascha. Grinst. Er trägt nun Bart. An der Front muss er sich nicht rasieren.

Noch einmal schafft es der Krieg in die internationalen Nachrichten. Die USA hatten der Ukraine fest zugesagte Militärhilfe nicht ausbezahlt, US-Präsident Donald Trump soll von dem ukrainischen Präsidenten im Gegenzug Ermittlungen gegen einen politischen Gegner verlangt haben.

Es ist auch wieder viel von Formeln und Entflechtungen die Rede, und Saschas Brigadekommandeur findet es gut, dass der neu gewählte ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj "kreative Wege" ausprobiert, um den Krieg beizulegen. Laut einer aktuellen Umfrage erwarten das auch 64 Prozent der Ukrainer von ihm.

Sascha lacht. "Die, die daheim auf dem Sofa sitzen, sind die Ersten, die müde sind vom Krieg", sagt er. Dann wird er wortkarg.

Ein paar Tage zuvor hat er Darina angerufen. "Wir haben einen 200er und einen 300er", sagte er ihr, und sie packte die Angst. Sascha hatte ihr vor Jahren erklärt, was das heißt: Ein 300er ist ein Verletzter, ein 200er ein Toter. Von einem Scharfschützen erschossen, als er mit Sascha Dienst hatte. Am Morgen noch hatten sie gemeinsam Kaffee getrunken.

111 Soldaten wurden im vergangenen Jahr getötet, elf Soldaten starben in diesem Januar. Dazu kommen Zivilisten, die durch Geschosse umkamen oder durch Minen verstümmelt wurden. Manchmal wird geschossen, um den anderen daran zu erinnern, dass man noch da ist. Manchmal, um zu antworten. Ist das schon Frieden oder noch Krieg?

Eines Nachts, Ende Januar, ruft Sascha plötzlich an. Sein Gesicht leuchtet auf dem Schirm des Handys auf: Sein Bart ist dichter geworden, die Augen liegen tiefer, die Wangen sind schmaler. Sascha steht in dem Verschlag unter der Erde, den wir im Oktober besucht haben, auf dem zusammengezimmerten Stockbett hinter ihm schläft jemand. Er wirkt müde.

Gut gehe es ihm!, sagt er in antrainierter Routine. Seit dem Tod des Kumpels habe es keine Verluste in seinem Zug gegeben. Aber an den nahe liegenden Frontabschnitten knalle es jetzt wieder häufiger. Es gebe Tote.

Er hoffe, sagt Sascha, bald nach Hause zu können. Aber er weiß nicht, wann die nächste Ablösung kommt. Noch im Februar? Doch erst im März? Am 26. Februar ist sein Geburtstag. "Meinen zwanzigsten habe ich in der Armee gefeiert, meinen fünfundzwanzigsten im Krieg. Mal schauen, wo ich an meinem dreißigsten Geburtstag bin", sagt Sascha und lacht, Pointe abgefeuert. Dann muss er los, Dienst antreten.

Mitarbeit: Anna Nekrasova, Lena Sambuk