Es lodert ein Feuer im Kamin von Jörg Kellner, ausnehmend gemütlich ist es in seinem Haus in Zimmernsupra, auf halber Strecke zwischen Erfurt und Gotha. Man würde nicht glauben, dass hier ein Rebell lebt. Kellner, 61, sieht auch nicht rebellisch aus, doch er sagt: "Das, was die Kanzlerin und die CDU-Vorsitzende veranstaltet haben, erinnert mich an ganz andere Zeiten. Das gab es zuletzt in der DDR: dass Berlin entscheidet und die Provinz dann, bitte schön, umzusetzen hat."

Kellner ist Landtagsabgeordneter der Thüringer CDU, er hat den FDP-Kandidaten Thomas Kemmerich gewählt und so, mit freundlicher Unterstützung der AfD, dafür gesorgt, dass Kemmerich Ministerpräsident geworden ist. Für ihn, sagt Kellner, sei es nie infrage gekommen, für Bodo Ramelow zu stimmen, den bisherigen Regierungschef mit seiner Minderheitskoalition aus Linken, SPD und Grünen. Kemmerich ist für Kellner der Kandidat der Mitte. "Und wenn ein Kandidat der Mitte zur Wahl steht, wähle ich den. Punkt."

Weil das fast alle in der Thüringer CDU-Fraktion so sahen, ist jetzt die Bundesrepublik erschüttert, und man möchte sich die Augen reiben ob der enormen Distanz, die offenbar zwischen Zimmernsupra und dem Konrad-Adenauer-Haus in Berlin liegt. Politisch sind es jedenfalls mehr als die 296 Kilometer, die Google Maps angibt.

Es gibt in diesen Tagen eigentlich keinen in der Thüringer Union, der sich nicht gedemütigt fühlt. Der kleinere Teil tut es, weil er eine Ministerpräsidentenwahl erlebt hat, die er nicht erleben wollte: eine, bei der die AfD ihren eigenen Kandidaten durchfallen ließ, um heimlich den der FDP mitzuwählen, ihn so ins Amt trickste, FDP und CDU auf eine "Leimspur" führte, wie es Thüringens Ex-Ministerpräsident Dieter Althaus formulierte.

Eine viel größere Gruppe aber fühlt sich gedemütigt, weil sie das Gefühl hat: Jetzt haben wir einmal getan, was wir für richtig halten, aber dafür fällt die gesamte Republik über uns her!

Was sich besichtigen lässt, ist nicht einfach eine Ost-West-Entfremdung, sondern multiple Ratlosigkeit. Niemand versteht keinen mehr. Und CDU-Abgeordnete, die sich lange nicht wahrgenommen fühlten von ihrer Parteiführung in Berlin (und Erfurt), fühlen sich plötzlich viel zu sehr wahrgenommen, weil sie finden: Wie ihnen nach der Kemmerich-Wahl ins Geschäft geredet wurde – das sei nicht zu tolerieren.

Der Abgeordnete Kellner sagt, an seinem Kamin, er sei von der CDU-Basis in seinem Kreisverband stürmisch bejubelt worden für die Wahl Kemmerichs. Kritik habe es nur vereinzelt gegeben: fünf Parteiaustritte. 2015, nach der Flüchtlingskrise, seien es 150 gewesen. Würde Kellner auch mit der AfD koalieren? Nein, sagt er, das gerade nicht. Er wolle sie besiegen.

Kellner, muss man wissen, hatte eigentlich vorgehabt, vor der Landtagswahl 2019 in Rente zu gehen. Er entschied sich anders – um mit seiner Erfahrung und Prominenz zu verhindern, dass die AfD seinen Wahlkreis gewinnt. Er holte sein Mandat. Viele Nachbarwahlkreise gingen an die AfD. Die, sagt er, sei sein Hauptgegner. Aber mit ihrer Ausgrenzung habe man bislang nichts erreicht.

Und dann sagt Kellner noch: "Dass es jetzt auch Abgeordnete gibt, die sagen, man müsste vielleicht eine ostdeutsche CDU aus der Bundespartei herauslösen, kann ich zumindest verstehen."

Ein Schisma, eine Trennung der Partei? So wird in der Thüringer CDU gedacht, aber zur Wahrheit gehört, dass man gar nicht wüsste, in welche Richtung so eine ostdeutsche Extra-Union marschieren würde. Schließlich gibt es im Osten auch viele Leute, die für eine Öffnung nach links sind – aus ihrem täglichen Erleben eines pragmatischen Bodo Ramelow. So oder so hat sich in Thüringen gezeigt, dass die Unvereinbarkeitsbeschlüsse der Bundespartei ein Bundesland lähmen können. Es gibt keine Mehrheit im Thüringer Landtag ohne CDU – aber auch keine, an der nicht Linke oder AfD beteiligt sind. Kann man es den Ost-Abgeordneten da vorwerfen, dass sie versuchen, wenigstens eines der beiden Verbote loszuwerden?

Im Moment ist der Pro-AfD-Flügel lauter und deutlich durchsetzungsstärker. In Sachsen-Anhalt kann CDU-Regierungschef Reiner Haseloff ihn kaum noch einhegen, nach dem Thüringer "Wahlbeben" meldete sich auch direkt der erste Fraktions-Vizechef im Magdeburger Landtag mit Koalitionsideen in Richtung AfD zu Wort. Und in Thüringen selbst ist bemerkenswert, wie bewusst die CDU bei der Kemmerich-Wahl in die Arme der AfD lief. Und sich der Bundes-CDU widersetzte.