Noch am Abend vor der Ministerpräsidentenwahl hatte sich die CDU-Fraktion im Bernhard-Vogel-Saal des Thüringer Landtags versammelt. Und Bernhard Vogel, der Nachwende-Ministerpräsident der Union, war selbst angereist. Man diskutierte: Soll die Fraktion für den FDP-Kandidaten Kemmerich stimmen – obwohl die reelle Gefahr besteht, dass die AfD ihn mitwählt? Ausdrücklich warnte Mike Mohring, Landes- und Fraktionschef, vor einem "Tsunami", der dann losbräche. Es gibt Abgeordnete, die behaupten, Mohring habe um jeden Preis unterbinden wollen, dass die AfD in die Gelegenheit kommt, mit FDP und CDU einen Regierungschef zu wählen. Mohring selbst sagt, erst als die FDP beschlossen habe, Kemmerich ins Rennen zu schicken, habe er der Fraktion "angesichts des bürgerlichen Kandidaten" eine Enthaltung nicht mehr vermitteln können. Stattdessen habe er versucht, auf Kemmerichs Umfeld einzuwirken, die FDP vor der Kandidatur gewarnt; letztlich erfolglos. Hatte Mohring nicht die Kraft oder nicht die Lust, sich der eigenen Fraktion zu widersetzen?

In der Sitzung im Bernhard-Vogel-Saal ließ er jeden Abgeordneten zu der Frage sprechen, ob man Kemmerich wählen sollte, selbst wenn die AfD ihn dann zum Sieg tricksen könnte. Die Abgeordneten fanden: Ja, kann man trotzdem tun. Es gab Rädelsführer, die überzeugt waren, dass man es sogar tun müsse. Jetzt mal ein Zeichen setzen! Noch in der Nacht sprach sich auch bei der AfD die Entscheidung herum, die die CDU an diesem Abend getroffen hatte: Kemmerich zu wählen. Was deren Abgeordnete in ihrem Plan bestärkte, es heimlich ebenfalls zu tun. Manche in der CDU erklärten öffentlich, dass es kein Problem sei, Ramelow mithilfe der AfD abzulösen. Der Leiter des Wissenschaftlichen Dienstes der Thüringer CDU-Landtagsfraktion veröffentlichte vor der Ministerpräsidentenwahl ein Papier, in dem zu lesen ist: Ließe sich ein FDP-Mann von der AfD mitwählen, verpflichtete das "diesen politisch zu absolut nichts".

Nun, nach Kemmerichs Wahl, ist die Thüringer CDU nur noch ein Trümmerhaufen. Mohring wurde von seiner Fraktion entmachtet und soll bis Mai abtreten. Dass Annegret Kramp-Karrenbauer, die Bundesvorsitzende, ihren Rückzug angekündigt hat – das hat gewiss auch damit zu tun, dass sie schon vor der Wahl Kemmerichs erfolglos versuchte, auf die Fraktion einzuwirken. Manche in der Thüringer Fraktion sind jetzt überrascht von der eigenen Macht. Was bleibt: Ausgerechnet die CDU, dieser Garant für Stabilität, hat dafür gesorgt, dass in Deutschland die Instabilität wächst – und in Thüringen sogar regiert.

Es ist spät am Mittwochabend der vorigen Woche, als Thomas Kemmerich im Barockflügel der Erfurter Staatskanzlei sitzt, ein zusammengesunkener Hüne auf einem Lederstuhl. Rechts neben ihm ein Porträt von Goethe, links hinter ihm ein Porträt von Napoleon. Den Raum, in den er geladen hat, hatte er vorher gar nicht gekannt, weshalb er nun auch nicht ahnt, dass genau hier 1808 Napoleon Goethe zu einer Audienz empfing. Kemmerich sieht aus wie einer, der in die Kulissen der Weltgeschichte gestolpert ist. Er darf nur eines ahnen: Er ist als tragische Figur gebucht. War ihm klar, welches Chaos ausbräche, wenn er Ministerpräsident würde? Nein. "Man macht sich vorher keinen Gedanken, wie heftig das auf einen wirkt", sagt er. Gewarnt aber war er, von vielen. Er hat es in Kauf genommen, dass die AfD ihn stützt, oder es gewollt. Kemmerich hat seinen Rücktritt eingereicht, er bleibt im Amt, bis ein Nachfolger gewählt ist. Weil er keine Minister ernannt hat, besteht die Thüringer Landesregierung bis dahin: aus ihm.

Immerhin zeigt sich, wie gut die Reflexe der Bürokratie sind. Noch am Tag der Kemmerich-Wahl bildete sich in Erfurt eine Art Schattenkabinett aus den Staatssekretären der alten rot-rot-grünen Regierung, die, anders als die Minister, nicht automatisch ihre Jobs verloren. Diese Staatssekretäre, die jetzt an der Spitze ihrer Ministerien stehen, gründeten eine Chatgruppe, in der sie sich informell koordinieren. Mehrmals wöchentlich trifft man sich, um Probleme zu beratschlagen. Was lässt sich ohne Minister entscheiden? Was muss man Kemmerich vorlegen? Nicht die CDU ist die Stimme der Vernunft. Es sind rot-rot-grüne Beamte.

Würden die Thüringer Parteien sofort für Landtagswahlen sorgen, säße Kemmerich noch Monate in der Staatskanzlei. Besser fänden es die meisten, erst einen Ministerpräsidenten zu wählen, ihn ein Kabinett benennen zu lassen – und dann, irgendwann, den Landtag aufzulösen. Bodo Ramelow würde gern derart die Übergangszeit organisieren, mit sich selbst an der Spitze. Das Problem ist, dass er dazu wieder die CDU braucht. Fragt man ihn, erzählt er zuerst, was Union und FDP aus seiner Sicht angerichtet haben: Seine Familie stehe unter Polizeischutz, täglich gingen Hass und Hetze ein. Rechtsextreme fühlten sich ermutigt. "Von FDP und CDU", sagt Ramelow, "hätte ich alles erwartet. Aber nicht dieses schmutzige Spiel." Trotzdem treffe er sich mit einer Verhandlungsgruppe der CDU, einen Termin gebe es schon. "Man muss sicherstellen", sagt er, "dass ich im ersten Wahlgang gewählt würde." Doch jetzt die CDU von sich überzeugen? Es wird wohl keine Freude für ihn werden.