Mit erstaunlicher Vehemenz werden seit geraumer Zeit in Deutschland Debatten über koloniales Raubgut geführt. Einen entscheidenden Schub gab dabei die Ankündigung Emmanuel Macrons in seiner Rede 2017 in Ouagadougou im westafrikanischen Burkina Faso, innerhalb von fünf Jahren die in Frankreichs Museen aufbewahrten afrikanischen Kunstobjekte zurückzugeben. Sogleich brach hierzulande unter den Akteuren der Kulturpolitik und in den ethnologischen Museen hektische Betriebsamkeit aus; diverse Resolutionen und Positionspapiere wurden verfasst. Welche Gegenstände aus Afrika und anderen ehemaligen Kolonialregionen lagern hier überhaupt? Wie sind sie dorthin gelangt? Soll nun alles restituiert werden?

Der Journalist Moritz Holfelder versucht jetzt in seinem Buch Unser Raubgut, die diversen Fäden der neuen "kolonialen Debatte" zusammenzuführen und dabei nicht nur über das künftige Berliner Humboldt Forum und dessen Bestimmung zu lamentieren. Er verweist darauf, freilich nicht als Erster, dass die Kontroverse so neu gar nicht ist. Bereits in den 1970er-Jahren gab es Forderungen nach Rückführung afrikanischen Kulturguts: Sie stammten von eher düsteren Gestalten wie Zaires jahrzehntelangem Diktator Mobutu Sese Seko, aber auch vom Generaldirektor der Unesco, Amadou-Mahtar M’Bow aus dem Senegal. Und die deutsche Staatssekretärin im Auswärtigen Amt, Hildegard Hamm-Brücher, sagte damals in einem Interview, sie habe Verständnis "für den Wunsch vieler Länder der Dritten Welt, Kulturgut, das für ihre nationale Identität von Bedeutung ist, zurückzuerhalten".

Danach passierte jedoch lange nichts. Warum nun plötzlich wieder und so intensiv um Fragen der Raubgüter und die koloniale Vergangenheit Deutschlands gerungen wird, vermag Holfelder allerdings nicht zu beantworten. Was sein Buch hingegen auszeichnet, ist der Versuch, auch afrikanische Stimmen einzufangen. Zu Wort kommt etwa Flower Manase vom tansanischen Nationalmuseum, die beklagt, bei der Restitutionsdebatte gehe es mal wieder vor allem um Europa und seine Museen: "Wer hat uns eigentlich gefragt, was wir Afrikaner wollen?"

Die abschließenden "sieben Vorschläge zum Umgang mit der kolonialen Vergangenheit" sind nicht besonders originell. "Es ist an der Zeit, sich stärker mit Afrika auseinanderzusetzen": Das ist sicher richtig, aber nicht gerade weiterführend. Dennoch ist es Holfelder gelungen, die Problematik um "unser Raubgut" kompetent und mit dem Blick für historische Zusammenhänge eindringlich darzulegen.

Moritz Holfelder: Unser Raubgut
Eine Streitschrift zur kolonialen Debatte; Ch. Links Verlag, Berlin 2019; 223 S., 18,– €, als E-Book 9,99 €