Am Ende interessierten sich dann alle doch wieder nur für das eine. Zum Leidwesen des Papstes und seiner Getreuen schnurrte der ganze kräftezehrende Richtungskampf – jahrelanges Konferieren mit südamerikanischen Bischöfen, interkontinentales Rumreisen, päpstliches Briefeverfassen und vor allem das Managen ständiger Intrigen – auf eine kleine Frage zu dem alten Vatikantratschthema Sex zusammen.

Die Frage lautete, in den Worten des unbeteiligten Normalbürgers: Dürfen Priester nun heiraten? In den Worten genervter Katholiken von links bis rechts: Fällt der Zölibat? Oder in der Diktion der Kirchenexperten: Erlaubt Franziskus die Priesterweihe für viri probati?

Die einen hofften von Herzen auf ein Ja, die anderen fürchteten es wie der Teufel das Weihwasser. Man kann sagen, dass sich die katholische Kirche während der Entstehungszeit des jüngsten Lehrschreibens von Papst Franziskus zu Amazonien in zwei Lager auseinanderdividiert hat. Nicht einfach Reformer gegen Reformgegner wie sonst, sondern Zölibatsverteidiger gegen, nun ja, nicht gleich Zölibatsverächter, aber doch Gläubige, die die Abschaffung der verpflichtenden priesterlichen Ehelosigkeit für hilfreich halten; die im Pflichtzölibat heute mehr eine Hürde als eine Garantie für die Heiligmäßigkeit der Priester sehen.

Ich schäme mich und bitte demütig um Vergebung – nicht nur für die Verbrechen der Kirche selbst, sondern für die Verbrechen an den Ureinwohnern während der Eroberung Amerikas und in der ganzen Geschichte des Amazonas!

Und wie lautet nun die Antwort des Papstes? In der am Mittwoch veröffentlichten apostolischen Ermahnung, die den schönen Titel trägt Geliebtes Amazonien und sich nicht nur an das "Volk Gottes", sondern an "alle Menschen guten Willens" richtet, steht dazu: nichts. Keine letztgültige Entscheidung und kein Machtwort. Franziskus schreibt stattdessen: "Unter den besonderen Umständen des Amazonasgebietes, insbesondere in seinen Wäldern und abgelegenen Dörfern, muss ein Weg gefunden werden, um den priesterlichen Dienst zu gewährleisten." In vatikanischer Verklausulierung sagt er, dass Priester fehlen. "Dies veranlasst mich, alle Bischöfe zu ermahnen, nicht nur das Gebet für Priesterberufungen zu fördern, sondern großzügiger zu sein und diejenigen, die eine missionarische Berufung zeigen, bei der Wahl des Amazonasgebietes anzuleiten."

Also alle Priesteranwärter auf nach Amazonien? Aber was ist dann mit dem Priestermangel anderswo, etwa in Deutschland? Weil zu lange kein ehrlicher Streit über dessen tiefer gehende Gründe geführt wurde, streitet man jetzt so heftig über den Zölibat. Zwar hatte Kardinal Reinhard Marx, der scheidende Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, einen "Synodalen Weg" durchgesetzt: In mehreren Treffen sollten Bischöfe, Priester und Laien über die aus dem Missbrauchsskandal folgenden Fragen offen reden. Doch den deutschen Reformmaximalisten war das zu wenig, den deutschen Besitzstandswahrern zu viel.

Am Dienstag nannte der Vorsitzende des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, die Reformgegner "kleine, aber wortstarke Gruppen, die den Eindruck erwecken, sie stellten eine nennenswerte Menge dar". Gemeinden seien verärgert, "dass seit dem Amtsantritt Papst Johannes Pauls II. im Jahr 1978 reformerisch kaum noch etwas passiert ist, obwohl das Zweite Vatikanische Konzil schon vor 50 Jahren Reformen beschloss." Jetzt wirbele Franziskus das wieder auf.

Ich träume von einem Amazonien, das sich für die Rechte der Ärmsten, der Urvölker, der Letzten einsetzt – wo ihre Stimme gehört wird!

Das macht den Traditionalisten Angst. Jüngst mischte sich sogar der greise Benedikt ein mit einer Zölibatsverteidigung. Sein Aufsatz hatte leider vor allem den Effekt, dem engsten Vertrauten Ratzingers zu schaden: Erzbischof Georg Gänswein wurde letzte Woche als Präfekt des Päpstlichen Hauses für immer "beurlaubt" – also als Diener zweier Päpste gefeuert.