Die Achtziger können nicht sterben. Obwohl die Megastars des Jahrzehnts fast alle tot sind – Prince, Michael Jackson, George Michael –, leben die billigen Synthiesounds und japanischen Rhythmusmaschinen weiter. Jugendliche und alle, die es gern wären, zeigen nackte Knöchel zu weißen Turnschuhen. Und die Netflix-Serie Stranger Things bereitet erfolgreich die Endzeit-Angst der Eighties für die verunsicherten Teenager von heute auf, während die Eltern ihrer behüteten Kindheit als Schauergeschichte wiederbegegnen.

Wer aber in der Schweiz eine Archäologie der Achtziger betreiben will, der kommt am Pop nicht vorbei. Es muss kein Spaß gewesen sein, damals als Jugendlicher durch die grauen Städte zu laufen, die von alten Männern regiert wurden, deren Leben aus Politik, Militär und Zunft bestand und die Rockmusik eher für eine Krankheit als für Kultur hielten. Trotzdem transportiert die Pop-Avantgarde dieser Zeit ein heutzutage verschüttetes Gefühl: Wir Jungen haben es in der Hand, wir pfeifen auf diese Schweiz und schreiben internationale Geschichte.

Was nicht wenigen gelang: Kleenex aus Zürich gingen nach England, Grauzone aus Bern wurden in Deutschland gehört, Yello waren all over, über "Eischöhr" in Paris sprechen wir gleich.

Sie waren Dilettanten, aber ihre Musik platzte vor Innovationskraft. Sie klangen melancholisch und verspielt, aber nie so verloren wie Joy Division aus Manchester oder Die Einstürzenden Neubauten aus Westberlin. Noch heute fasziniert sie, diese Gleichzeitigkeit von Ennui im Vortrag und Vitalität der Kunst.

Nun gibt es eine Fülle von Anlässen und Wiederveröffentlichungen, die uns die sanft widerspenstigen Schweizer Achtzigerjahre erneut in Erinnerung rufen.

Ein französisches Label namens Décalé hatte die Idee zur Compilation Intenta: Experimental and Electronic Music in Switzerland 1981–93. Und das englische Label Strut Records plant für den Sommer ein weiteres Album mit Schweizer Synthiepop und New Wave; unterstützt vom Basler Produzenten Mehmet Aslan.

Schon erstaunlich, wenn Franzosen und Engländer helvetische Nischen aus den Achtzigern bearbeiten. Doch die Intenta-Compilation verblüfft tatsächlich. Etwa mit dem Song Mammuth des Projektes Aborted at Line 6, hinter dem der Yello-Gründer Carlos Perón steckt. Der Track, 1982 aufgenommen, hat musikalisch die Leichtigkeit eines angetrunkenen Witzes und den futuristischen Punch einer Technoplatte aus Detroit. Mammuth klingt unfassbar kalt und funky. Irritierend ist nur der unerträgliche Text auf diesem grandiosen Track: Chris Lunch kommt nicht ohne rassistische und sexistische Beleidigungen durch die krasse Beschreibung einer Nacht. Der Begriff "towelhead" zum Beispiel war schon damals nur abwertend für eine arabische Person zu verstehen.

Es gab leere Probelokale, billige Maschinen und explodierende Kreativität

Abgesehen davon erinnert die Compilation daran, wie locker international die Schweizer Avantgarde klang. Von Unknownmix aus Zürich weiß man das schon länger. Sie steuerten den tribalistischen Track Django bei, gesungen von Magda Vogel in einem zusammengewürfelten Fantasie-"Afrikanisch" – auch hier hätten postkoloniale Debatteure etwas zu besprechen. Der zart verschrobene, elfenartige Song von Elephant Chateau aus Basel, Dreaming, könnte eine zeitgenössische Hipsterpopnummer sein. Und Carol Rich aus Fribourg gibt in Computered Love den Cyborg, zwei Jahre bevor sie 1987 die Schweiz mit Moitié, Moitié beim Eurovision Song Contest in Brüssel vertrat.

Was die sehr unterschiedlichen, meistens elektronischen Tracks vermitteln: Es geschieht etwas total Neues, es gibt billige Maschinen, und es gibt Räume – Studios, Probelokale, Konzertorte. Junge Leute können noch ohne eine Erbschaft in der Innenstadt leben. Nach den Zürcher Jugendunruhen von 1980 unterstützen die Städte Jugendzentren und alternative Kulturräume aus Angst vor der zornigen Jugend. Was schließlich explodierte, war die Kreativität.

Der eigensinnigste und doch populärste unter den Schweizer Elektromusikern: Stephan Eicher. 1960 in Münchenbuchsee mit jenischem Hintergrund geboren, in Bern groß geworden, wegen der Kunstschule F+F Anfang der Achtziger nach Zürich gezogen. Er spielte in der Band seines Bruders Martin, Grauzone, die 1981 den Überhit Eisbär landete, mit billigsten Produktionsmitteln. Das Genfer Label WRWTFWW Records ist gerade daran, den schmalen, aber einflussreichen Katalog von Grauzone wieder auf Vinyl und CD zu veröffentlichen. Eicher selbst sorgte letztes Jahr dafür, dass alles von Grauzone auch bei den globalen Streaminganbietern zu finden ist.