Es ist wie damals, als in der Welt, als in der Schweiz alles noch seine Ordnung hatte. Zur Linken und im Osten, dort saßen die Systemfeinde. Zur Rechten und im Westen die Verteidiger der Freiheit. Damals, das meint die Jahre um 1990, da war der Kalte Krieg gerade zu Ende. Und in der Schweiz, wo einige der eifrigsten Kommunistenfresser sich tummelten, zerbröselte nach und nach der alte FDP-Filz. In Fichen und in Privatarchiven dokumentierten die staatlichen und selbst ernannten Staatsschützer, wen sie für einen Schweizfeind hielten. Also alle, die nicht dem bürgerlichen Mainstream entsprachen.

Die Fichierten wiederum, die Aktenkundigen, sie misstrauten diesem bürgerlichen Staat und seinem Tun zutiefst. Linke Parteien, Sozialdemokraten und Grüne, rüttelten nach dem Mauerfall an den politischen Institutionen des Landes, kritische Journalisten stellten mit ihren Recherchen jahrzehntealte Gewissheiten infrage.

Eine freisinnige Bundesrätin musste zurücktreten. Zwei Parlamentarische Untersuchungskommissionen (PUK) wurden eingesetzt. Die Archive der Bundesanwaltschaft wurden geöffnet, die Geheimarmee P-26 und der geheime Nachrichtendienst P-27 enttarnt. Aber einige Fragen, einige Rechnungen blieben bis heute offen.

All das ist wichtig zu wissen, um zu verstehen, wieso nun, dreißig Jahre später, eine historische Enthüllungsgeschichte in der Schweiz für derartigen Wirbel sorgt. Und weshalb diese Februartage im Jahr 2020 wie ein Reenactment von 1990 daherkommen. Wenn plötzlich Bundesräte wie Kaspar Villiger oder Arnold Koller wieder in den Schlagzeilen auftauchen. Ihnen gegenüber die Alt-68er-Journalisten von damals, gemeinsam mit jungen Recherche-Desk-Kollegen.

Im Zentrum der Auseinandersetzung über Vergangenheit und Gegenwart steht ein nationaler Mythos, den Rechte wie Linke gerne für sich und ihr Schweiz-Bild beanspruchen und den sie ebenso gerne verklären: die Neutralität.

Das Abseitsstehen der Schweiz, das ihr beim Wiener Kongress von 1815 von den Großmächten auferlegt wurde und das über die seither vergangenen zwei Jahrhunderte immer wieder neu definiert, aber stets sehr flexibel und je nach Interessenlage umgesetzt wurde. So flexibel, dass der Historiker Georg Kreis in seiner im Jahr 2004 erschienenen Kleinen Neutralitätsgeschichte der Gegenwart gleich 20 verschiedene Neutralitätsverständnisse inventarisierte – und dies allein seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Vergangene Woche also wurde das helvetische Selbstverständnis erneut erschüttert. Da veröffentlichte die Rundschau des Schweizer Fernsehens, zusammen mit dem ZDF und der Washington Post, die sogenannten Crypto-Leaks. Die Firma Crypto AG aus Steinhausen bei Zug hatte seit 1970 bei ihren Chiffriergeräten eine Hintertür eingebaut. Diese erlaubte der amerikanischen Central Intelligence Agency (CIA) und dem deutschen Bundesnachrichtendienst (BND), alle übermittelten Nachrichten zu entschlüsseln. So steht es in Dokumenten der beiden Geheimdienste über die sogenannte Operation Rubikon, beziehungsweise über "Minerva", wie die Crypto AG behördenintern genannt wurde. Sie wurden einem deutschen Investigativjournalisten zugespielt, der sie daraufhin mit den Kollegen in Washington und den SRF-Reporterinnen teilte. Wer der Absender war, ist unbekannt. Auch weiß niemand, was seine Absichten sind. Eigen-PR für die geglückte Geheimdienstoperation? Oder wollten die Amerikaner damit die aufstrebenden Schweizer Cybersecurity-Branche schwächen?