DIE ZEIT: In Ihrem Kanton narrte ein pädophiler Kinderschänder monatelang die Behörden. Wenn man die Artikel über den Fall William W. liest, kann einem angst und bange werden.

Susanne Schaffner: So extrem war es nicht. William W. wurde in November 2016 entlassen, weil er seine Strafe abgesessen hatte und die stationäre Maßnahme, die darauf folgte, aufgehoben war. Meine Mitarbeiter des Justizvollzugs wurden mit einer delikaten Aufgabe betraut: Sie mussten einen Menschen, der als mittelfristig gefährlich galt, in Freiheit so beobachten und führen, dass nichts passiert. Mit verschiedenen Maßnahmen hat man versucht, den Übergang von einer zehnjährigen Haft in die Freiheit abzufedern. Dazu gehörten Drogen- und Alkoholkontrollen, eine psychiatrische Behandlung, Gespräche mit der Bewährungshilfe. Und dass William W. in der Anfangszeit noch nicht alleine lebt, sondern in einem betreuten Wohnheim ...

ZEIT: ... in einem Männerheim, das keine 500 Meter von einem Kinderheim entfernt liegt.

Schaffner: Es ist nicht einfach, einen solchen Platz zu finden. Und laut Gutachten ging keine unmittelbare Bedrohung von William W. aus.

ZEIT: Er war vorbestraft wegen schwerer Sexualdelikte an mindestens fünf Kindern. Was machte Sie sicher, dass er nicht rückfällig wird?

Schaffner: Das Obergericht kam aufgrund von Gutachten zum Schluss, dass er nicht therapierbar ist, dass aber keine unmittelbare Gefährdung besteht. Aufgrund einer Gesetzeslücke blieb dem Gericht nichts anders übrig, als ihn freizulassen. Zur Begleitung hat man das engmaschige ambulante Setting eingeleitet. Die Alternative wäre gewesen, ihn ohne Auflagen freizulassen.

ZEIT: Das klingt verrückt.

Schaffner: Es ist tatsächlich schwer verständlich. Die stationäre Maßnahme, bekannt als kleine Verwahrung, hätte nur weitergeführt werden können, wenn William W. therapierbar gewesen wäre, also Einsicht in seine Taten gehabt hätte und bereit gewesen wäre, sich mit diesen auseinanderzusetzen. Das war bei William W. aber nicht der Fall. Für die reguläre Verwahrung braucht es eine unmittelbare Gefahr, dass jemand wieder schwere Straftaten begeht. Auch das war gemäß Gutachten nicht gegeben.

ZEIT: Und deshalb musste man ihn freilassen?

Schaffner: Ja. Meine Mitarbeiter haben zwar beantragt, dass er in Sicherheitshaft kommt, weil man eigentlich nicht wollte, dass er freikommt. Das Gericht hat dies aber abgelehnt. Rückblickend gesehen ist das für die Betroffenen natürlich eine schreckliche Geschichte.

ZEIT: Die engmaschige Betreuung scheiterte. William W. führte die Justiz an der Nase rum. Die GPS-Fußfessel lud er nicht korrekt, die Überwachung brach ab. Er meldete sich nicht bei der Bewährungshilfe, reiste ins Ausland, obwohl er keine Erlaubnis dafür hatte. Er übernachtete bei seiner Freundin in der Nähe eines Schulhauses statt im Wohnheim. 14 Mal wurde er von Ihren Mitarbeitern verwarnt. Nie passierte etwas. Schlimmer: Im Nachhinein wurde bekannt, dass sich William W. wieder mit Kindern getroffen und sich mutmaßlich an mehreren von ihnen vergangen hatte. Inzwischen sitzt er in Haft, frühestens im Herbst muss er sich vor Gericht verantworten. Frau Schaffner, hätte man das nicht verhindern können?

Schaffner: Diese Frage stellten wir uns auch. Darum leitete der Regierungsrat eine Administrativuntersuchung ein. Die Studienautoren kamen im vergangenen Herbst zum Schluss, dass alles Menschenmögliche getan wurde. Und wie gesagt: Die Alternative wäre gewesen, ihn ohne Auflagen freizulassen.