DIE ZEIT: Sie sind 21, aber schon fast Ihr ganzes Leben unterwegs.

Aiyegun Tosin: Ja, es war ein langer Weg hierher. Für afrikanische Spieler ist es nicht einfach, nach Europa zu kommen. Wenn sich die Chance ergibt, musst du sie ergreifen. Du kriegst sie nicht ein zweites Mal.

ZEIT: Sie sind in Nigeria geboren worden, aber hauptsächlich in Benin aufgewachsen. Wie kam das?

Tosin: Meine Mutter stammt aus Cotonou, der größten Stadt in Benin. Sie wollte dorthin zurück. Auch weil in Cotonou das Leben günstiger ist als in Lagos. Sie arbeitet noch immer dort als Coiffeuse, mein Vater war Mechaniker. Aber er ist vor einiger Zeit gestorben. Zum Glück ist für meine Mutter jetzt erst mal der Druck weg. Mit meiner Hilfe konnte sie sich ein Haus kaufen.

ZEIT: Wie würden Sie den Ort beschreiben, in dem Sie aufgewachsen sind?

Tosin: Benin ist ein kleines Land und ganz anders als die Schweiz: Die Leute sind arm. Sie haben nichts, sie hungern. Für jede Mahlzeit muss man hart arbeiten. Was kann ich sagen? Es war hart in Benin, sehr hart.

ZEIT: Was bedeutete Ihnen als Kind der Fußball?

Tosin: Während des Spielens habe ich mich immer frei gefühlt. Ich habe schon als kleiner Junge mit meinem Vater gekickt. Er war ein sehr guter Spieler. Die Leute schauten ihm gerne zu. Wir haben überall zusammen gespielt: im Haus, auf der Straße, auf irgendwelchen Plätzen. Er hat ohne jeden Druck mit mir gespielt. Das ist nicht selbstverständlich. Viele Eltern in Afrika sehen es nicht gerne, wenn ihre Kinder zu viel Fußball spielen. Sie wollen, dass sie möglichst gut in der Schule sind, um später einen soliden Job zu haben.

ZEIT: Wie entdeckte man Ihr Talent?

Tosin: Ich spielte immer nur auf der Straße. Bis die Spieler vom Cobra FC in Cotonou zu mir sagten, ich solle gegen sie spielen. Ihr Platz ist nicht weit von meinem Zuhause entfernt. Sie sagten immer wieder: "Komm zu uns, und spiel mit!" Irgendwann bin ich dann hin und hab mitgespielt. Das war’s dann.

ZEIT: Das war’s dann?

Tosin: Von da an wollten viele mit mir spielen.

ZEIT: Haben Sie damals schon richtig trainiert: Lauftraining, Krafttraining, Taktik?

Tosin: Nein, nein. Es ging nur um die Freude. Es gibt auch nicht viel, was man sonst machen kann.

ZEIT: Wie sind Sie schließlich in Europa gelandet?

Tosin: Ich bin dann zurück nach Nigeria, um an den Trials für eine Fußball-Akademie teilzunehmen. Da waren ein paar Hundert Spieler. Ich habe den Ball genau zweimal berührt, dann hieß es schon: "Du bleibst hier." Die Akademie war hart. Ohne Herz gehst du da kaputt. Manchmal gibt’s nichts zu essen, manchmal vergeht dir die Lust am Fußball, weil das Training so hart ist. Ich wollte schon aufgeben, wollte zurück nach Benin. Aber der Manager sagte: "Mach das nicht. Bleib hier! Du hast Talent." Irgendwann weckten sie mich um Mitternacht und sagten mir: "Um sechs geht der Flieger nach Europa. Pack deine Sachen!"

ZEIT: Wie viele Spieler waren dabei?

Tosin: Wir waren 15. Ich glaube, davon haben es zwei geschafft. Die anderen sind schon lange wieder in Lagos.

ZEIT: Wo ging es hin?

Tosin: Nach Deutschland. Und von da aus nach Malta, dann in die Slowakei und dann nach Lettland. Dort klappte es schließlich. Ich spielte zweieinhalb Jahre beim FK Ventspils und schoss viele Tore.

ZEIT: Seit letztem September spielen Sie für den FC Zürich – aber auswählen konnten Sie sich das nicht, oder?

Tosin: Doch. Ich hatte einige Angebote. Für die Schweiz habe ich mich ganz bewusst entschieden. Ich hab nicht zweimal überlegen müssen.

ZEIT: Wieso?

Tosin: Weil mir viele gesagt haben: "Die Schweiz ist gut für dich. Wenn du dort gut spielst, wirst du Karriere machen. Alles kann sich zum Guten wenden." Jetzt ist mein Kopf voll und ganz beim FCZ. Den Club und die Stadt kannte ich schon, aber ich hätte nie gedacht, eines Tages mal hier zu sein und für den FCZ zu spielen.