Die Berlinale ist noch in vollem Gange, und schon jetzt geben uns ihre Kinoheldinnen etwas mit. Keine Botschaften, sondern eine struppige Mischung aus Glückskeksweisheit und Lebensmotto: Kämpfe um deine Spielräume!

Ein weiblicher Wassergeist wehrt sich gegen die Rolle, die er vom Mythos zugewiesen bekommt (Undine von Christian Petzold). Ein halbwüchsiges, schwangeres Mädchen in der nordamerikanischen Provinz fühlt sich der Mutterrolle noch nicht gewachsen (Never Rarely Sometimes Always von Eliza Hittman). Eine Synchronsprecherin japanischer Horror-Sexfilme befreit sich vom Horror ihres Lebens (Der Eindringling von Natalia Meta). Die Wettbewerbsfilme suchen weder Revolutionen noch Utopien. Ihre Heldinnen sind sogar ziemlich verschlossen. Doch mit ihren Bildern eröffnen die Regisseurinnen und Regisseure den Figuren eine Perspektive, eine Bewegung, einen Horizont.

Christian Petzolds Undine (Paula Beer) ist Historikerin im heutigen Berlin. Vor Touristen hält sie Vorträge über die Geschichte der Stadt, ihre Baustile und architektonischen Visionen. Als Undine von ihrem Freund verlassen wird, müsste sie, der Sage folgend, Rache üben, den Untreuen in ihrer Wasserblase ertränken. Aber sie will nicht töten, sie will leben und lieben. Undine begegnet dem Industrietaucher Christoph (Franz Rogowski), der im Wasser so zu Hause ist wie sie. Durch die Vorträge der Heldin wird Berlin von der fest im märkischen Sand stehenden Stadt zu einem sich wandelnden Gebilde, entstanden aus Plänen, Idealen, Ideologien. Zugleich ist Berlin ein Sehnsuchtsort für aus der Zeit gefallene Liebende. Plötzlich wirkt die Stadt so vergänglich wie die Lichtreflexe auf den Fenstern der Regierungsgebäude an der Spree.

In Eliza Hittmans Film Never Rarely Sometimes Always ist die Stadt New York ein Raum pragmatischer Möglichkeiten: der Ort, an dem man in den USA als Minderjährige ohne Einverständnis der Eltern eine Abtreibung vornehmen lassen kann. Die berühmte Skyline ist nur kurz aus dem Fenster eines Überlandbusses zu sehen. Zwischen den Terminen in der Klinik streunen die Provinzlerinnen Autumn und ihre Cousine Skylar durch Spielhallen, Bowlingclubs, U-Bahnhöfe. Im Zentrum des Films steht eine etwa zehnminütige Szene. Sie hält fest, wie Autumn vor dem Eingriff eine psychologische Beratung absolviert. Haben Sie je beim Sex Gewalt erfahren? Die bereits im Filmtitel aufscheinenden Multiple-Choice-Antworten lauten: niemals, selten, manchmal, immer. Vielleicht wird der Siebzehnjährigen durch diese Fragen zum ersten Mal etwas bewusst. Etwa die Möglichkeit, einen Schritt weiter zu gehen.

Und im Horrorfilm? Sind Frauen meistens die Opfer. In Der Eindringling von der Argentinierin Natalia Meta sind die Zeichen des Unheils akustischer Natur: Seltsame Schwingungen, kaum wahrnehmbare Obertöne und Interferenzen sind auf den Aufnahmen der Synchronsprecherin und Chorsängerin Inés zu hören. Wer oder was hat von ihr Besitz ergriffen? Der verstorbene Macho-Freund? Die übergriffige Mutter? Der neue Verehrer, ein Orgelbauer? Oder handelt es sich bei den Eindringlingen um Gestalten ihrer Albträume? In dem Film formulieren die Träume ein umfassendes Unbehagen. Vielleicht sind sie aber auch eine Art Selbstermächtigung der Heldin. Am Ende steht jedenfalls die irrwitzige Aussicht, ausgerechnet in der totalen Fremdbestimmtheit die eigene Stimme zu finden.