Ein gestoppter Zug wurde zum Symbol dafür, wie blank die Nerven zurzeit in den Alpenländern liegen. Am Sonntagabend wurde der Eurocity 86 von Venedig nach München kurz vor dem Brenner gestoppt. Zwei Deutsche seien beim Halt in Verona mit Verdacht auf eine Infektion mit dem Coronavirus ausgestiegen und in ein Krankenhaus gebracht worden. Rasch zeigte sich, die Testergebnisse sind negativ.

Doch die Situation war bereits ein wenig entglitten. Auf Anweisung des Tiroler Katastrophenschutzes wurde der Schienenverkehr zwischen Österreich und Italien vorläufig eingestellt. 500 Passagiere saßen auf der italienischen Seite des Brenners fest. Schnell war der Südtiroler Zivilschutz vor Ort, und die Tiroler Landes- sowie die österreichische Bundesregierung schalteten sich ein. Als die Züge kurz vor Mitternacht wieder fahren durften, verkündete Innenminister Karl Nehammer aus Wien: Bei allen Passagieren, die in Österreich aussteigen, werden Identitätsfeststellungen vorgenommen.

In Bellinzona im Kanton Tessin feierten am selben Tag 25.000 Menschen den Rabadan, die lokale Fasnacht. Ein neuer Rekord. Doch je länger der Tag dauerte, desto getrübter war die Festfreude: Die Live-Blogs auf den Online-Portalen berichteten über die stetig zunehmenden Corona-Fälle in der nahen Lombardei.

Noch während die Fasnächtler in den Straßen tanzten, wurde im Kanton ein Corona-Notfallplan entworfen und umgesetzt, mit dem auch eine größere Anzahl von Infektionen bewältigt werden könnte. In den Tessiner Spitälern werden seit Sonntag medizinische Eingriffe aufgeschoben, sodass mehr Operationssäle, Betten und vor allem Personal für den Fall der Fälle parat stehen. Wer an Fieber und einer akuten Atemwegserkrankung leidet, wird routinemäßig auf das Coronavirus untersucht. Die Proben werden in einem neu eingerichteten Speziallabor innert weniger Stunden untersucht. Fällt der Test positiv aus, wird der Patient für 14 Tage isoliert. So soll die Ansteckungskette unterbrochen werden.

Am Montag trat in Bern der zuständige Innenminister Alain Berset vor die Medien, begleitet von seinen Amtschefs. Die Botschaft ans Land: Wir haben alles im Griff. Die Botschaft ans Tessin: Wir sind mit euch. Beließ man es tags zuvor noch mit einem flapsigen "Keine Panik!", versprach man den Tessinern, die sowieso ein angespanntes Verhältnis zu Bundesbern haben, sich stets ignoriert und verlassen fühlen, unter anderem Schutzmasken aus Armeebeständen.

Drei Stunden später hatten der Tessiner Regierungsschef Christian Vitta, Gesundheitsdirektor Raffaele de Rosa und Kantonsarzt Giorgio Merlani ihren Auftritt. Wieder und wieder baten sie in Bellinzona die Bevölkerung um Vertrauen. Riefen sie die Menschen dazu auf, nur offiziellen Informationen zu trauen. Appellierten an das Verantwortungsbewusstsein der Medienschaffenden. Die Zahl der Anrufe aus dem Tessin an die Corona-Helpline des Bundesamts für Gesundheit sei exponentiell angewachsen, der Informationsstand der Bürger erschreckend gering, umso größer sei deren Beunruhigung, sagte der Kantonsarzt.

Der Kampf gegen das Virus ist auch ein Kampf um die Köpfe.

In Österreich ist es seit Dienstagmittag so weit. In Innsbruck wurden die ersten beiden Corona-Fälle bestätigt. Zwei junge Italiener aus der Lombardei stehen in einen Krankenhaus unter Quarantäne. Ein paar Stunden später wurde das Grand Hotel Europa, in dem eine der Erkrankten als Rezeptionistin arbeitete, geschlossen und die Gäste des einzigen Fünf-Stern-Hauses der Stadt durften ihre Herberge nicht mehr verlassen.

Ein paar Stunden spätere meldete das Bundesamt für Gesundheit den ersten Fall in der Schweiz. Im Tessin liegt ein 70-jähriger Mann im Spital. Er hat sich Mitte Februar in Mailand angesteckt.

Die österreichischen Behörden versuchen zu beruhigen, doch nicht alle spielen mit. Die Versuchung ist zu groß. Denn das Verhältnis von Nord- und Südtirol, von Österreich und Italien, ist historisch schwer belastet. Mittendrin steht der Brenner. Für die Ewiggestrigen markiert er die Unrechtsgrenze, die nach dem Ersten Weltkrieg entstand und Tirol entzweite. Für die Grünen steht er für die Transitlawine, die das Inntal verpestet. Für die deutschen Urlauber ist er eine Wegmarke auf ihrer Sehnsuchtsroute an die Sonne. Seit dem Jahr 2015 steht er symbolisch für die Flüchtlinge, die aus dem Süden kommen. Und nun also soll ausgerechnet über diesen Alpenpass auch noch das Coronavirus ins Land gelangt sein.