Essen, so erzählte mir einmal ein weiser Mann, sei ein permanenter Kompromiss zwischen Verhungern und Vergiften. Man wisse bestenfalls hinterher, was man gerade zu sich genommen habe und was man besser hätte liegen lassen sollen. Ständig droht Gefahr. Und wenn man eben erst dachte, die eine abgewendet zu haben, taucht sofort die nächste auf.

Bei glutenfreien Produkten lässt sich das ganz hübsch beobachten. Sie sind heute in jedem Supermarkt und in jeder Drogerie zu finden und für Menschen mit einer entsprechenden Unverträglichkeit ein willkommenes Angebot. Bei dm entdeckte ein aufmerksamer Leser nun aber ein Zusatzprodukt, das viele Fragen aufwirft. Das Foto, das er mir geschickt hat, zeigt Tabletten als "Gluten Verdauungshelfer – bei verstecktem Gluten während einer glutenfreien Ernährung". Die Packung mit 60 Stück kostete 8,45 Euro, es war eine Eigenmarke von dm. Sie hing am Regal umgeben von glutenfreiem Knusperbrot, glutenfreien "Choco Chip Cookies" und glutenfreien Minitörtchen.

Sehr interessant ist die mit der Positionierung der Tabletten verbundene unterschwellige Botschaft: Da hat man schon ein ganzes Regel voll mit glutenfreien Lebensmitteln, die ja – wie der Name schon sagt – kein Gluten enthalten. Und genau dort hängen diese Tabletten, die mehr oder minder offen vor "verstecktem Gluten" warnen. Was soll man jetzt davon halten? Entweder sind die glutenfreien Produkte bei dm gar nicht wirklich glutenfrei, dann sieht es so aus, als würde dm lügen. Oder aber dm ahnt zumindest, dass sie nicht glutenfrei sind, dann sollte man erwarten, dass das geklärt wird. Oder dm ist es egal, ob die Produkte ihre Versprechen auch nur ansatzweise halten, was dann auch nicht sehr vertrauenerweckend wirkt.

Vierte Möglichkeit: Man konstruiert eine neue, am besten unsichtbare Gefahr. Zumindest eine, die sich gut versteckt. So gut wie verstecktes Gluten in glutenfreien Produkten. Und der man, wie leider so oft, nur mit einem beikommen kann: dem Kauf von Pillen.