"Flugscham" bezeichnet das schlechte Gewissen, das Vielflieger gegenüber dem Klima plagt. Dass die Manager von Hoch- und Tiefbaukonzernen von "Betonscham" gepeinigt würden, hat man noch nirgends gelesen. Man sieht es dem Baustoff nicht an, aber tatsächlich entweicht mit jeder Tonne Zement, die hergestellt wird, eine Tonne Kohlendioxid in die Luft. Das macht acht Prozent der weltweiten Treibhausgasbilanz aus – erheblich mehr als die drei Prozent, die aufs Konto des Flugverkehrs gehen. Wäre die Zementindustrie ein Staat, schreibt die Zeitschrift Chemietechnik, läge sie bei den CO₂-Emissionen hinter China und den USA an dritter Stelle.

Die Hälfte des Kohlendioxids entsteht, weil in den Zementöfen Temperaturen von 1400 Grad erreicht werden müssen. Dazu werden Öl, Kohle und Erdgas verbrannt. Aber selbst wenn regenerative Energien diese Hitze erzeugten, bliebe ein systemisches Problem: Die wichtigste Komponente von Zement ist Kalziumoxid (CaO), erzeugt aus Kalziumkarbonat (CaCO₃). Zieht man die beiden chemischen Formeln voneinander ab, bleiben ein C- und zwei O-Atome übrig – eben Kohlendioxid.

Durch den Bauboom, vor allem in China, hat sich die Weltzementproduktion in 30 Jahren vervierfacht. Es gibt Ansätze, die Klimabilanz zu verbessern: So hat das Massachusetts Institute of Technology ein Verfahren entwickelt, das auch mit regenerativen Energien funktioniert. Auch wird darüber nachgedacht, in Beton andere Füllmaterialien als Zement zu verwenden. Aber die Branche ist schwerfällig. Die kurzfristig am ehesten zu realisierende Strategie ist, das anfallende CO₂ einzufangen und entweder zu lagern oder weiterzuverwenden. Eins steht fest: Produzieren wir Beton weiter so wie bisher, können wir alle ambitionierten Klimaziele vergessen.

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